Empört euch! – Eine Kritik am Jurastudium aus der Sicht eines Studenten (Teil 3)

 

Ein Beitrag von Nadim Rababah

 

3. Bewertung und Widerspruchsverfahren

Den Anforderungen im Examen entsprechen die Bewertungsmaßstäbe:

a) status quo:

aa) Erste Bewertung:

(1) Punkte werden insbesondere an den Stellen vergeben, zu denen der Großteil der Bearbeiter nicht gelangt. Das hat aber nicht zwangsläufig etwas mit dem Schwierigkeitsgrad dieser Probleme und den Fähigkeiten der „guten“ Bearbeiter zu tun. Vielmehr hängt dies von der Einordnung der Probleme im hierarchischen Klausuraufbau ab. Je später ein Problem auftaucht, desto mehr Kandidaten schreiben wegen abweichender Lösungsansätze an dem Problem vorbei, völlig unabhängig von dessen Schwierigkeitsgrad.


(2) Im Übrigen gilt: es existiert ein relativer Bewertungsmaßstab, kein absoluter. Besonderes Pech hat dabei der Bearbeiter einer Klausur, die mit Standardproblemen aufwartet, bei denen das Erreichen höherer Punktzahlen vollständige Wiedergabe der Argumentation und Bearbeitung jedes Problems verlangt. Eine breit angelegte Vorbereitung ist dabei häufig weniger hilfreich, als die Konzentration auf besondere prüfungsrelevante Themen und die Fähigkeit bei deren Darstellung viel Wissen am Rand abzuladen (die böswillig sogenannte Wissensprostitution), ohne allzu aufdringlich zu erscheinen. Dass dabei pro Klausur kaum ein einziges Mal ein eigener Gedanke abgeprüft wird, scheint niemanden zu stören.
(3) Die Bewertung folgt auch keinem objektiven Maßstab. Wie viele Punkte der Korrektor an welcher Stelle für was vergibt, ist im Rahmen seines Beurteilungsspielraums ihm überlassen. Dass er (intuitiv) bei schlechter Schrift Punktabzüge gibt, muss er nur anders - mit Hinweis auf die inhaltlichen Schwächen der Arbeit - begründen. Oft wird dies nicht einmal bewusst geschehen. Schlagwortartig könnte man sagen, dass von den Studenten bei der Klausurlösung mathematische Präzision gefordert wird, aber die Bewertung der eines Deutschaufsatzes aus der Schule ähnelt.
Dabei entsprechen die Anforderungen in den Klausuren nicht einmal dem, was ich (Sie werden das wahrscheinlich milde belächeln) aus der Schule kenne: Anforderungsbereich I = Wiedergabe, Anforderungsbereich II = Erläuterung, Anforderungsbereich III = kritisches Hinterfragen. Die Hauptaufgabe des Studenten ist lediglich die Reproduktion der von Anderen gefundenen Ergebnisse. "Transferleistung" ist die Subsumtion. Begeisterung aber erwächst aus kritischer Auseinandersetzung und eigenen Gedanken. Die Fächer, die auf ein kritisches Hinterfragen des erlernten Stoffes abzielen (Grundlagenfächer, aus meiner Sicht insbesondere Rechtsgeschichte, aber auch Rechtsvergleichung) sind in der Ausbildung zeitlich zusammengestaucht und oft genug im Curriculum so früh vorgesehen, dass der Student daraus noch keinen Nutzen ziehen kann. Im Examen zählen sie ohnehin so gut wie nichts. Zwar ist das Hinterfragen auch bei Verständnis und Anwendung des positiven Rechts relevant, doch kann dies im Rahmen von Fall-Klausuren allenfalls punktuell abgefragt werden. Geschieht dies doch einmal, dann immer unter enormem Zeitdruck. Bereits dies muss bei guten Studenten zu Frustrationen führen, da diese selten abgefragte Fähigkeit gerade die ist, die sie von ihren Kommilitonen unterscheidet. Es fällt ein wichtiges Differenzierungskriterium bei der Notenvergabe fast völlig weg.
(4) Die Lösung des Problems der Notendifferenzierung sucht man im Kriterium „Detailkenntnisse“. Im Übrigen wird einem Studenten, der ein Problem „übersieht“ (als ließen sich diese mit naturwissenschaftlicher Präzision erkennen und immer an nur einem Tatbestandsmerkmal festmachen), völliges Versagen vorgeworfen, also die Fähigkeit zum Hinterfragen schlechthin abgesprochen. Tatsache ist, dass wohl nur ein Bruchteil der Bearbeiter bei der Mehrzahl der Probleme den Interessenskonflikt erstmalig erkennen würde. Es geht für die ganz überwiegende Anzahl der Studenten also um das Wiedererkennen bekannter Probleme. Daher kann sich ein Jura-Student die erstmalige kritische Auseinandersetzung mit Problemen in Klausuren nicht leisten. Es wird vielmehr verlangt, dass er bereits weiß, wie an welcher Stelle der Klausur zu entscheiden ist: Die Klausuren sind so auf die herrschende Meinung zugeschnitten, dass man bei anderer Lösung häufig zu den weiteren Problemen nicht vordringt. Genau deren Kenntnis ergibt sich aber nicht zwangsläufig aus dem Gesetz. Damit ist die große Bedeutung der Klausurtaktik angesprochen, die mir aus keinem anderen Studienfach bekannt ist. Die angebliche Weite der vertretbaren Argumentationsansätze für ein Einzelproblem nutzt näher besehen also nichts, wenn man zu den weiteren Klausurproblemen nicht kommt. Die Folgerichtigkeit der Ausführungen hilft dem Bearbeiter nicht weiter, wenn er nicht zeigen kann, wie er Probleme bearbeitet. Nur, wenn auf dem abweichenden Lösungsweg rechtlich problematische Punkte auftauchen, wird Folgerichtigkeit gewürdigt. Das ist aber regelmäßig Glückssache. Auch werden die Korrektoren missmutig, wegen des höheren Aufwandes, der nötig ist, um die Ausführungen nachzuvollziehen und auf Stimmigkeit zu prüfen.

bb) Weitere Ungerechtigkeiten ergeben sich im Widerspruchsverfahren gegen die erzielte Note.

Wird im Rahmen des Widerspruchsverfahrens ein neuer Prüfer mit der Klausur betreut,, fehlt ihm der eigentliche (und einzige) Bewertungsmaßstab: Die anderen vom ersten Prüfer korrigierten Klausuren (relativer Bewertungsmaßstab). Es geht dann um eine Ermittlung des absoluten Schwierigkeitsgrads der Klausur und die absolute Qualität der Bearbeitung, die ohne feste Bewertungsvorgaben aus meiner Sicht nicht ermittelbar ist. Bei Einsatz derselben Prüfer im Rahmen des sog. Überdenkungsverfahrens, erfolgt regelmäßig keine unbefangene Beurteilung. Häufig wird folgendermaßen vorgegangen: Berechtigte Einwände werden schlichtweg ignoriert oder es wird trotz Erwähnung in Votum und Randbemerkungen behauptet, sie hätten auf die Bewertung keinen Einfluss gehabt. Bezüglich gelungener Ausführungen des Bearbeiters, die (insbesondere bei schwer lesbarer Schrift) nicht zur Kenntnis genommen werden, oder bei denen lediglich ein Schlagwort abgehakt wird, wird im Widerspruchsverfahren regelmäßig behauptet, sie seien in der bisherigen Note "vollumfänglich" berücksichtigt. Korrektoren bieten im Übrigen regelmäßig keinen Angriffspunkt, wenn sie die Klausuren gar nicht, oder nur sporadisch kommentieren.

b) Verbesserungsvorschläge:

Die Benotung darf nicht allein im Vergleich zu den andern Prüflingen erfolgen, sondern ihr muss auch ein objektiver Maßstab zugrunde liegen. Dies kann nur erfolgen, wenn man bei Befolgung des richtigen Lösungsweges (die 18) Punkte auf die einzelnen Probleme des Falls, die Vorgehensweise, den Gutachtenstil und die Verwendung der Fachtermini vorschreibt. Ungefähr drei Punkte sollten dem Korrektor dabei zur flexiblen Würdigung besonderer Stärken oder Schwächen verbleiben. Diese Lösung ist radikal, sie ist aber auch gerechtfertigt. Wer gute aber schwer leserliche Klausuren abgibt, wird feststellen, dass sich bei den gut leserlichen Klausuren auch bei relativ banalen Argumenten positive Randbemerkungen finden lassen, während die Ausführungen in schwer leserlichen Klausuren nicht zur Kenntnis genommen und maximal mit einem Haken am Ende eines Prüfungsabschnitts oder bei einem Schlagwort goutiert werden. Durch den längeren Leseaufwand werden Fehler häufiger wahrgenommen als bei gut lesbaren Klausuren. Ich gebe aber zu, dass ich hier persönlich betroffen bin.
Zusätzlich sollten die Zweitkorrekturen vollständig isoliert von den Erstkorrekturen erfolgen. Der Zweitprüfer muss also eine Note wählen, ohne die Beurteilung des Erstprüfers zu kennen. Alles andere lässt Raum für unsachliche Erwägungen, wie z.B. die Arbeitsersparnis bei einfacher Bestätigung des Erstvotums. Der auch relevante Vergleich zu den Leistungen anderer muss im Rahmen eines gerichtlichen Verfahrens auch tatsächlich erfolgen, selbst, aufgrund der Einbeziehung anderer Arbeiten für den Richter einen höheren Prüfungsaufwand darstellt. Dabei darf nur der Inhalt der anderen Arbeiten eine Rolle spielen, nicht die vergebene Note, die in hohem Maße subjektiv geprägt ist.
Der Korrekturverlauf selbst ist ebenfalls stark verbesserungswürdig. Da ich hierin keinen persönlichen Einblick habe verweise ich auf den Aufsatz von Arne-Patrik Heinze unter http://www.lto.de/recht/studium-referendariat/s/jurastudium-klausuren-korrektoren-staatsexamen-beurteilungsspielraum/. Das dort gezeichnete Bild von Korrektoren, die seit ihrer Ausbildung keine Praxis mehr in dem betreffenden Gebiet hatten, Erstvoten innerhalb von 15 Minuten fertigen und sich beim Zweitvotum nach dem Erstkorrektor richten, ist aber beängstigend. Dabei behauptet der Autor nicht, es würde nur in dieser Weise korrigiert. Es kommt aber vor. Der Großteil der Examenskandidaten wäre wohl mit einer Prüfungsgebühr einverstanden, wenn dies nur dazu führte, dass die Korrektoren auskömmlich bezahlt und entsprechend mehr Motivation aufbringen würden. Außerdem sollten wenige Justizangestellte, Professoren, Staatsanwälte und Richter bei Karrierebeginn verstärkt prüfen.
Bezüglich des Widerspruchsverfahrens sollten Überdenkungsverfahren nur stattfinden, soweit die Kritik sich nicht grundsätzlich gegen die Aufgabenstellung und den von den Prüfern favorisierten Lösungsweg richtet. Selbst gerechtfertigte Einwände wird derselbe Prüfer hier nicht gelten lassen, da sie alle von ihm korrigierten Arbeiten betreffen und er sich den Fehler nicht eingestehen wird. Daher sollten in diesem Fall neue Prüfer beauftragt werden, die aber bereits dieselben Klausuren korrigiert haben, lediglich von anderen Bearbeitern.

II. Zeitliche Anforderungen

1. Ausgangssituation und zeitliche Belastung als Folge:

Von Jahr zu Jahr steigert sich die Arbeitsbelastung in einem Studium, das praxisnah sein will, aber Praxis mit Aktualität verwechselt. Das gewissenhafte Studium fordert inzwischen einen exorbitanten Zeitaufwand (im zweiten Semester hatte ich 23 SWS, im Dritten 29 SWS, weit entfernt von den 18 SWS, die Böckenförde2 fordert). Man kann leicht errechnen, wo man bei gewissenhafter Nacharbeit und Fallbearbeitungen bei erstmaliger Beschäftigung mit dem jeweiligen Fach zeitlich landet: regelmäßig wird mehr als das Doppelte des veranschlagten Zeitaufwandes insgesamt nötig sein. Dabei ist vor allem zu berücksichtigen: juristische Texte lesen sich im frühen Ausbildungsstadium nur mühsam und mit hohem Zeitaufwand). Damit sind wir allein wegen der zeitlichen Auslastung weit näher an einem auf die Pflichtinhalte verengten Studium als die meisten Bachelorstudiengänge. Die Fixierung auf diese Inhalte wird in der Examensvorbereitung ins Absurde gesteigert: da es in Klausuren lediglich um den Vergleich zu den anderen Bearbeitern gehen kann und ein absoluter Vergleichsmaßstab fehlt, sind die Studenten gezwungen, möglichst mehr zu lernen als ihre Konkurrenten. Der häufige Hinweis, dass auch in früheren Zeiten schon viel gelernt werden musste, trägt zur Lösung der Probleme nichts bei. Den Vorwurf der extrem gestiegenen Stoffmenge auszuräumen, versucht man heute gar nicht mehr.
Mit wenigen Einschränkungen muss im ersten Semester bereits der examensrelevante Stoff aus den Teilgebieten vollständig behandelt werden (allenfalls wird beispielsweise im BGB AT der Kalkulationsirrtum ausgespart). Hier zeigt sich, dass eine Einteilung in Grundlagenstoff und Spezialwissen offenbar nicht einmal den Professoren gelingt, die dann im Examen aber genau dieses Systemverständnis einfordern. Der Student selbst kann dies ohnehin noch nicht leisten oder wird es nie können. Wer ehrlich ist, gesteht sich ein, dass ein solches isolierbares Grundlagenwissen nicht existiert3. Als Trost gilt im Studium immer, dass der Stoff ja erst im Examen endgültig beherrscht werden muss und die vorangegangenen Klausuren nicht zählen. Das empfindet jeder zu Beginn fleißige Student als ungerecht. Wenn man daran festhält, dass letztlich nur die Examensklausuren maßgeblich sind, sollte man das Studium auch entsprechend ausrichten und nicht bereits im ersten Semester sämtliche Stellvertretungsprobleme lernen. Hieran sieht man: Das Studium wird kaum anspruchsvoller, nur der Stoff wird mehr. Wir lernen schlicht eine riesige Menge an Problemen zu behandeln, bis uns deren Lösung selbstverständlich und jede Abweichung abwegig erscheint. Diese Probleme können die Erstsemester nicht am Gesetzestext festmachen. Weder zeitlich noch fachlich sind sie dazu in der Lage. Es hat ja einen Grund, dass wir uns dieses Wissen mit Hilfe von Lehrbüchern und nicht mit dem Gesetzestext selbst aneignen. Das widerspricht fundamental der Behauptung, im Vordergrund der Ausbildung stünde die Technik der Rechtsanwendung. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf den Einführungstext der Justinianischen Institutionen hinweisen und Sie fragen, ob Ihnen die geschilderten Probleme vertraut vorkommen:
„Nach dieser allgemeinen Unterrichtung beginnen wir, das Recht des römischen Volkes darzulegen, das sich, wie uns scheint, am zweckmäßigsten vor allem in der Weise vermitteln läßt, daß die einzelnen Materien zuerst in leichter und einfacher Fassung vorgetragen werden und danach in sehr sorgfältiger und genauer. Andernfalls tritt, wenn wir den noch unkundigen und unsicheren Studenten gleich von Anfang an mit der Masse und Vielfalt des Stoffes belasten, eine von beiden folgenden Möglichkeiten ein: Entweder bewirken wir, daß er das Studium abbricht, oder wir bringen ihn unter großen Anstrengungen seinerseits, oft auch unter Selbstzweifeln, die junge Menschen so häufig entmutigen, allzu spät dahin, wohin er auf einem bequemeren Weg ohne große Anstrengungen und ohne Selbstzweifel rascher hätte gebracht werden können.“
Schlägt man diesen Rat in den Wind, gelangen die Studenten unter den beschriebenen größtenteils überflüssigen Anstrengungen bis zur Examensvorbereitung. Die übliche Dauer beträgt heutzutage häufig 15, meist aber 18 Monate. Nicht wenige und keineswegs nur die Faulen, sondern auch ambitionierte Studenten wählen eine Dauer von 18-21 Monaten. Gute Studienleistungen können die Vorbereitungsdauer allenfalls minimal verkürzen. An die Zeit wird sich jeder von Ihnen lebhaft erinnern. Die meisten Studenten lernen von 8-20h in der Bibliothek. Der Verzicht auf ein privates Repetitorium ist zwar möglich, zumindest aber hinsichtlich des Verzichts auf dessen Unterlagen fahrlässig. Deren Qualität übersteigt die der meisten Lehrbücher deutlich und kommt dem Anspruch auf Vollständigkeit zumindest nahe (der Zeitgewinn dadurch ist enorm). Im Übrigen ist man dank der Schwerpunktausbildung auch im Semester vor oder nach der Vorbereitung auf die staatlichen Prüfungen einer erheblichen Arbeitsbelastung ausgesetzt, wobei sich dies von Universität zu Universität unterscheidet. Insgesamt sind Jura-Studenten laut den Studentenberatungen überdurchschnittlich therapiebedürftig4.

2. Weitere Folgen:

Die traurigere und – wie mir scheint – weniger beachtete Folge ist, dass Jura-Studenten regelmäßig den Kontakt allenfalls noch zu anderen Jurastudenten pflegen, bei Gesprächen nervös auf die Uhr gucken und in der wenigen ihnen verbleibenden Freizeit kein (nicht-juristisches) Buch mehr anrühren (maximal wird als Pflichtlektüre noch die FAZ studiert. Diesen Vorgang könnte man böswillig auch eine gewollte geistige Gleichschaltung nennen.). Die solchermaßen ausgebildeten Juristen mögen ihr Fach verstehen, vom Rest der Welt verstehen sie nichts. Von dem, was der Student den ganzen Tag tut (lernen), kann er nur anderen Juristen berichten (insbesondere anderen Examenskandidaten) oder überhaupt niemandem (spätestens bei einer Dissertation ist das so). Die meisten „guten“ Juristen leiden unter Unzulänglichkeiten im persönlichen Umgang. Da Gespräche für normale Menschen der Regelfall, für den Juristen aber (ab einem gewissen Ausbildungsstadium) die Ausnahme sind, sind viele dabei nervös. Des Weiteren wird die in der Juristerei erforderliche ständige Bedachtsamkeit, die richtigen Worte zu verwenden, in die Alltagsgespräche übertragen. Dadurch werden Spontaneität, Sinn für Humor, Schlagfertigkeit und Konfrontationsfähigkeit stark in Mitleidenschaft gezogen. Fragen Sie einen Nichtjuristen, wenn Sie noch einen kennen. Ich bemerke es bei anderen und bei mir selbst.
Menschen, die sich nur noch mit ihrem Fach beschäftigen und zu anderen Gesprächen kaum noch in der Lage sind, gibt es natürlich in allen Fachrichtungen. Die Dichte bei den Juristen (besonders bei guten Absolventen) scheint mir allerdings deutlich höher zu sein. Es ist mir unbegreiflich, wie man als verantwortungsvoller Dozent - der auch zur Selbstkritik fähig sein sollte, wenn ihn die letzten Zeilen selbst betreffen- seinen Studenten diese Art Jurist, den „Prädikatsjuristen“ als erstrebenswertes Ideal hinstellt. Ich habe inzwischen den ein oder anderen dieser Menschen in Großkanzleien, Gerichten und an der Universität getroffen. Die meisten von ihnen scheinen mir unzufrieden zu sein, wollen sich dies aber nicht eingestehen: weil es ihre ganze bisherige Arbeit in Studium und Beruf in Frage stellt. Dass viele dieser Juristen stereotyp als Vorteil ihres Berufs angeben, es käme nicht auf Sozialadäquanz, sondern auf Leistung an, ist schön, gibt aber einen Rückschluss auf ihre Defizite in diesem Bereich. Die Aufgabe eines Studiums ist es nicht sich mit dem Privatleben der Studenten zu beschäftigen. Es muss sich aber ändern, wenn es auf dieses so massiv (und meiner Ansicht nach negativ) Einfluss nimmt wie das Jurastudium.

III. Persönliche Anforderungen

(1) Die persönlichen Anforderungen an einen Jurastudenten sind vor allem Disziplin und Arbeitswille. Während des Studiums sollte sich der Student dann ein effektives Lernsystem aneignen5. Gelingt dies, steht bei entsprechendem Zeitaufwand der Aneignung des Stoffes nichts im Wege. Jura ist insofern eine Denkschule, die konsequent erlernt werden kann. Zuzugeben ist, dass die Anforderungen dieser Denkschule deutlich über denen liegen, die das Bachelor-Studium heute weitgehend stellt (insbesondere das stumpfsinnige Auswendiglernen von Folien des Dozenten). Letzteres sollte kein Ziel einer Reform sein.
Andererseits verheißt allein das Denken in Normen und Begriffshierarchien6 noch keinen Erfolg bei den Klausuren. Das aktuelle Ausbildungssystem liefert faire Ergebnisse nur für denjenigen, der den Stoff tatsächlich umfassend beherrscht, das heißt auch umfassend anwenden kann. Bestehen hier oder dort Lücken (wie bei 99% der Studenten), bleibt es zu einem guten Teil dem Zufall (d.h. der Auswahl der Klausuraufgabe) überlassen, ob der Student Erfolg hat oder scheitert. Hin und wieder ist es hilfreich, Lösungen zu hinterfragen, in andern Fällen wiederum bringt einen gerade dies von der vorgesehenen Lösung ab, wenn das Wissen nicht wirklich derart lückenlos ist, dass man nie zu einem falschen Schluss verleitet wird.
(2) Eine weitere wichtige persönliche Anforderung ist die sogenannte Frustrationstoleranz. Der Jurastudent muss auch bei vernichtenden Klausurergebnissen trotz intensiver Vorbereitung die Motivation finden, weiter zu lernen. Insbesondere in den ersten Semestern wird man aber häufiger Fehler machen als das Gesetz „richtig“ anzuwenden. Man muss sich jedenfalls auf das Fehlen jeglicher Erfolgsergebnisse in den ersten Semestern einstellen. Besser wird dies am Ende der Examensvorbereitung: dann löst man Fälle vollständig so, wie man soll.
(3) Schlussendlich sollte man möglichst nicht mit der Forderung ins Studium gehen, dass die Beschäftigung mit der Juristerei Freude bereiten sollte. In diesem Zusammenhang erscheint es mir sinnvoll, einen Vergleich mit anderen Studiengängen bezüglich der Attraktivität für Studenten anzustellen: aa) es gibt Studiengänge, die Studenten begeistern (je nach Neigungen des Studenten). Das kann zur freiwilligen Befassung mit Themen über den Pflichtstoff hinaus führen. bb) Es gibt Studiengänge, die Erfolgserlebnisse vermitteln, wenn der Stoff beherrscht wird (Bsp: mathematisch-naturwissenschaftliche). cc) Und schließlich gibt es Studiengänge, die praktische Fähigkeiten vermitteln, die Studenten den Zugang zu einer Vielzahl von Menschen eröffnen (Psychologie, soziale Arbeit etc). Meiner Ansicht nach kann das Jurastudium keinen dieser Vorteile bieten: bspw. freiwillige Seminare in der Freizeit werden wohl nur in absoluten Ausnahmefällen vorkommen. Zu den Erfolgsergebnissen ist oben alles gesagt und zu dem abgeschotteten Dunstkreis, in dem man sich bewegt und der mit der Welt der meisten Menschen nichts zu tun hat, ebenfalls.

E: Schlussteil

Es war mir seit Längerem ein Bedürfnis, diese Zeilen zu schreiben. Ich wollte sie immer unabhängig davon schreiben, wie ich mein Examen bestehe. Ich halte mich nicht wegen meiner Examensnote für einen guten Juristen, sondern wegen der Gedanken, die ich mir während der Vorbereitung gemacht habe und wegen der Beiträge die ich in Unterricht, Vorlesung und, ja, auch im Repetitorium geleistet habe. Mit einem Wort: wegen des Findens und Hinterfragens rechtlicher Argumente, für das in der Klausur kaum Zeit und Platz ist. Ich habe einige Studenten gesehen, die diese Fähigkeiten ebenso besitzen, die im Examen schlecht abgeschnitten haben. Und andere, die kaum einen eigenen Gedanken zu fassen im Stande sind, haben das Examen gut, ich finde zu gut, bestanden. Ich plädiere nicht für einen Bewertungsindex nach meinem Gerechtigkeitsgefühl, ich plädiere für objektiv nachvollziehbare und untereinander vergleichbare Bewertungsabläufe und -maßstäbe. Mein Anspruch war eine konstruktive Kritik zu liefern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Viele werden dem, was ich geschrieben habe, nicht zustimmen. Vieles ist sicher überspitzt formuliert. Ich will dabei keinesfalls den Eindruck hinterlassen, ich wollte Professoren und Dozenten herabwürdigen: ich habe vielmehr einige Dozenten an der Uni gehabt, die mich für bestimmte Rechtsgebiete fasziniert haben.
Viele der Ausführungen sind sicher auch kritikwürdig. Andererseits ist aber auch die Wirkung, die ein gutes Examen auf die Bewertung der eigenen Leistung hat, außerordentlich groß. Plötzlich ist man von der Objektivität der Bewertung und der Kriterien überzeugt, über deren Willkür man sich zuvor geärgert hatte. Schließlich möchte man nicht das Attribut Prädikatsjurist aufgeben, auf das sich nach dem Studium das Selbstbewusstsein häufig entscheidend stützt. Dazu passt auch, dass die Bewertung des Prüfungssystems Staatsexamen positiver ausfällt, je größer der (positive) Abstand zur eigenen Abiturnote ist7.
Außerdem betrifft es einen selbst ja nicht mehr. Ich befasse mich auch in diesem Aufsatz ungern noch einmal mit dem Examen, ist es doch ein Lebensabschnitt der hinter mir liegt und in den ich mich keinesfalls zurücksehne. Ich glaube aber, dass viele Jura-Studenten Zweifel und Kritik an unserem Ausbildungssystem Tag für Tag mit sich herumtragen. Sie glauben aber wohl nicht an bessere oder auch nur erreichbare Lösungen. Eine Kritik muss nicht zwangsläufig dieselben Punkte beinhalten, wie die von mir oben angeführten. Aber ist es nicht bezeichnend, dass aus der Masse der Absolventen, die unsere Universitäten jedes Jahr anspülen, kein Laut kommt? Dass dieses System die letzten 150 Jahre fast ohne Veränderung überstanden hat8? Es ist die Ungewissheit über ein System mit dem die meisten Studenten bis zum Examen recht gut und komfortabel fahren. Dessen Bewertung wird am eigenen Examenserfolg festgemacht. Diejenigen, die Prädikatsjuristen werden, stellen es nicht in Frage, um sich nicht selbst in Frage zu stellen. Diejenigen, die durchfallen oder schlecht bestehen, wissen nicht, ob sie nicht mehr hätten lernen müssen und geben sich regelmäßig selbst die Schuld. Ich zweifle daran, dass sie überhaupt gehört würden, in einer juristischen Welt, in der die Note alles bedeutet.

Nadim Rababah

Verwendete Literatur:

Beiträge aus der Festschrift für Strempel, Juristenausbildung zwischen Internationalität und Individualität
Stilkunst, Ludwig Reiners
Kilian, Modelle der Juristenauswahl in Europa: eine Standortbestimmung
Examen ohne Repetitor, Deppner/Lehner/Rusche/Wapler
Das Studium der Rechtswissenschaft: eine Fachmonographie aus studentischer Sicht; Bargel, Multrus, Ramm


1 diese und weitere Anregungen finden sich in dem sehr guten Aufsatz von Heinze, aaO.

2, in: Strempel, S. 84.

3 bspw. Werner, in Strempel, S. 416.

4Böckenförde, in: Strempel, S. 71.

5 dazu Haft, Einführung in das juristische Denken und Lange, Jurastudium erfolgreich.

6Haft, aaO.

7 Heldrich/Schmidtchen, S. 99.

8 zur Geschichte kurz, Deppner/Lehner/ Rusche/Wapler, S. 14.

 

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