Empört euch! – Eine Kritik am Jurastudium aus der Sicht eines Studenten (Teil 1)

 

 

Ein Beitrag von Nadim Rababah

 

A. Einleitung

Ich möchte mit diesem Aufsatz meine Empörung über das zum Ausdruck bringen, was allen Jurastudenten im Verlaufe ihres Studiums widerfährt und von dem Großteil dieser Studenten als unabänderlich akzeptiert wird. Die universitäre Ausbildung krankt an einer schlechten Betreuungssituation (Kurrikularnormwert 1,7)1, vor allem aber an einer inhaltlichen Überfrachtung, die auf die Einbeziehung neuer Fächer und die Neigung der Prüfungsämter zur Kasuistik zurückzuführen ist2. Dies wird durch ein fragwürdiges, häufig willkürliches Bewertungssystem ergänzt, bei dem der Korrektor keinerlei Bindungen unterliegt. Von der großen Anzahl der Examenskandidaten verfügt dann ein erheblicher Teil nicht einmal über elementare Fähigkeiten zur Bearbeitung von Rechtsproblemen. Dies betrifft eben nicht nur Durchgefallene, sondern auch erfolgreiche Absolventen. Der Großteil der Studenten - so meint man - habe durch die endlose Konfrontation mit Einzelproblemen die grundlegenden Fähigkeiten erlangt. Repräsentativ abgefragt und überprüft werden kann dies in 6-8 Klausuren freilich nicht. Das Schicksal der - nach durchschnittlich fünf Jahren - Durchgefallenen (über 25% regelmäßig,3) und Absolventen mit schlechten Noten und ungewissen Zukunftsaussichten wird hingenommen. Die fachlichen Anforderungen haben Folgen: der bei gewissenhaftem Studium inzwischen exorbitante Zeitaufwand, aber auch solche Folgen, die sich für Privatleben, Sozialverhalten und Gesundheit der Studenten ergeben. Die letzten Aspekte werden in der bisherigen Diskussion völlig vernachlässigt.

 

B. Gang der Darstellung

I. Inhalt des Beitrags

An den früheren (meist fruchtlosen) Diskussionen zur Reform der Juristenausbildung war die Studentenschaft entweder nicht beteiligt oder zumindest fundamental unterrepräsentiert4. Die unterschiedlichen Vorstellungen von Anwaltschaft, Justizverwaltungen, Richterschaft und Fakultäten führen im Ergebnis dazu, dass sich nichts ändert, obwohl der Reformbedarf von keiner Seite geleugnet wird. Die Fakultäten sind dabei laut Böckenförde5 sogar entscheidungsunfähig. Es ist nicht mein Ziel, hier große Systemveränderungen zu diskutieren. All dies ist hundertfach geschehen (Spartenjuristen- gegen Einheitsausbildung, Ein- gegen Zweiphasigkeit, Anwalts- gegen Richterorientierung, Universitäts- gegen Staatsprüfung). Es besteht keine Aussicht auf tiefgreifende Veränderungen. Diese sind vielleicht auch gar nicht nötig, wenn sich große Verbesserungen für die Studenten schon durch Korrekturen am bestehenden - grundsätzlich keinesfalls schlechten - Ausbildungssystem erreichen lassen. Ich bin der Überzeugung, dass genau das möglich ist.
Ich möchte mich in diesem Beitrag auf möglichst konkrete Verbesserungsvorschläge konzentrieren, woran es in der Mehrzahl der Beiträge fehlt. Diese Vorschläge betreffen insbesondere die angebotenen Veranstaltungen der Universitäten, aber auch die Studienliteratur, einschließlich der sogenannten Ausbildungszeitschriften. Bereits vorgetragene Verbesserungsvorschläge werde ich allenfalls kurz behandeln. Der Beitrag beschränkt sich auf die universitäre Ausbildung und die erste juristische Prüfung. Das Referendariat werde ich mangels eigener Erfahrung bis zu diesem Zeitpunkt nicht behandeln.

II. Ziel des Beitrags

Ich möchte mit diesem Beitrag erreichen, dass sich Studenten mit den Anforderungen des Examens und ihrer Vorbereitung durch die Universität auseinandersetzen und zwar, bevor sie in die Examensvorbereitung gelangen. Eine Verbesserung der Umstände ist weder von den Professoren noch von den Prüfungsämtern zu erwarten, da dies für sie nur mit Mehraufwand verbunden wäre. Typischerweise macht sich der Student vor der Examensvorbeitung keine Gedanken über diesen Studienabschnitt. Er schätzt die Freiheiten des Jurastudiums (und missversteht sie oft). Während der Vorbereitung hat man für ein Aufbegehren gegen diese Art der Ausbildung keine Zeit oder jedenfalls kaum die Erfolgschance Veränderungen herbeizuführen, von denen man selbst noch profitieren könnte. Nach dem Studium betrifft es einen nicht mehr. Ein frühes Engagement der Studierendenschaft ist die einzige Aussicht auf Veränderungen in der Ausbildung. Wenn die Studenten darüber hinaus gerade bei den Verbesserungsvorschlägen bezüglich Vorbereitungsart, Literatur und Veranstaltungen noch nützliche Hinweise finden, wäre das ein angenehmer Nebeneffekt.

III. Vorgehen

Entsprechend dieser Zielsetzung werde ich mit der universitären Ausbildung beginnen und mich anschließend dem Examen und seinen Anforderungen widmen. Innerhalb der einzelnen Unterabschnitte zu Veranstaltungen, Literatur, Stoffmenge, Prüfungsmodus und Bewertung wird ein erster Teil stets den status quo darstellen, ein zweiter Teil die Verbesserungsvorschläge unterbreiten.


1Wahl, in: Strempel, S. 387f.

2Koritz, in: Strempel, S. 150, 165.

3Deppner/Lehner/ Rusche/Wapler, S. 18.

4vgl. nur Becker, in: Strempel, S. 45ff., 1 von 27 Beiträgen ist der eines Studenten.

5Böckenförde, in: Strempel, S. 76.

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