„Die R und der böse W“ – Aufarbeitung eines Grimm`schen Märchens nach dem heutigen Strafrecht (Teil 2)

 

 

Ein Beitrag von Christian Steck

 

Es war einmal ein kleines Mädchen. Das war so lieb und nett, dass jedermann sie gern hatte. Von seiner G hatte es ein Käppchen aus rotem Stoff bekommen, das es immer trug und weswegen alle Menschen sie R nannten.

Eines Tages sagte die M zu R: "G ist krank. Bring ihr diese Flasche Wein und dieses Stück Kuchen." Sie wusste, dass R dabei einen Wald durchqueren musste, der von einem gefährlichen W bewohnt wurde, weshalb sie ihr auftrug, nicht vom Wege abzukommen.

Als sie durch den Wald lief, begegnete ihr der W. Sie hatte keine Furcht, denn sie kannte den W nicht und wusste nicht, was für ein böses Geschöpf er war. So dachte sich R auch nichts Böses, als sie ihm verriet, wo das Haus der G zu finden sei. Der W aber überlegte: "Das kleine Mädchen wird lecker sein. Und wenn ich es richtig mache, dann kann ich beide fressen und bin danach gut gesättigt!" Er lief ein Stück mit R und sprach zu ihr: "Siehst du nicht die schönen Blumen? Warum schaust du sie dir nicht an?"
R schaute sich nun um und tatsächlich gab es im Wald sehr schöne Blumen. Und obwohl sie ihrer M versprochen hatte, den Weg nicht zu verlassen, lief R nun immer tiefer in den Wald, um einen Blumenstrauß für die G zu pflücken.

Der W aber lief schnell zum Haus der G und klopfte an die Tür. "Wer ist denn da?", fragte die G. "Ich bin es, das R. Ich bringe Wein und Kuchen, mach die Tür auf.", sagte der W mit verstellter Stimme, um die G zu täuschen. "Die Tür ist nicht verschlossen", antwortete die G und in dem Moment sprang der W auch schon ins Haus und verschlang die G. Dann zog er ihre Kleider an, setzte sich ihre Haube auf und legte sich in ihr Bett.

Als R kam und sah, dass die Tür offen stand, rief sie: "Guten Tag!" Aber sie bekam keine Antwort. Und als sie vor das Bett trat und sah, dass die G so anders aussah, fragte das R:

"G, warum hast du so große Ohren?". "Damit ich dich besser hören kann".
"Und warum hast du so große Augen?" "Damit ich dich besser sehen kann?"
"Und was hast du für große Hände!" "Damit ich dich besser fassen kann!"
"Aber, G, was hast du für ein großes, fürchterliches Maul?". "Damit ich dich besser fressen kann!", brüllte der W, sprang auf und verschlang auch das R.

So satt wie er war, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und schnarchte.

Als zufällig der J vorbeikam, wunderte er sich, wie laut die G schnarchte. Er betrat das Haus, um zu sehen ob es ihr an Etwas fehle. So fand er den W im Bett, den er schon lange gesucht hatte. Dem J war sofort bewusst, dass der W die G gefressen hatte. Deswegen erschoss er ihn nicht, sondern holte eine Schere und schnitt dem W den Bauch auf, um sie zu retten. Der J staunte nicht schlecht, wie er dann sah, dass neben der G auch R unbeschadet aus dem Bauch des W sprang.
Schnell holte der J ein paar große Steine, die er dem W in den Bauch steckte und nähte ihn wieder zu. Als der W aber wieder aufwachte, dachte er: "Wie schwer mir der Magen ist von dem guten Mahl!"

Da er großen Durst hatte, ging er zum Bach, um zu trinken. Er beugte sich nach vorne und weil er so schwere Steine im Bauch hatte, fiel er ins Wasser und ertrank.

R aber schwor sich: "Nie wieder will ich den Weg verlassen, wenn ich der M versprochen habe, es nicht zu tun." Und so lebte sie glücklich und zufrieden mit ihrem Käppchen bis an ihr Lebensende.

Wie haben sich die Beteiligten strafbar gemacht?

Bearbeitervermerk:
Es ist davon auszugehen, dass es sich bei R, M, G, J und W um voll straffähige Personen im Sinne des StGB handelt. Zur Wahrung von Übersichtlichkeit und Integrität des Sachverhalts empfiehlt sich eine streng chronologische Prüfung der Strafbarkeiten. Auch die Strafbarkeit Verstorbener ist zu prüfen. Strafanträge gelten als gestellt. §§ ohne Bezeichnung sind solche des StGB

 

Der erste Teil des Beitrags ist bereits vor ein paar Wochen erschienen, deckt die Prüfungspunkte „I.“ bis „IV.“ ab und findet sich hier.

 

V. Strafbarkeit des W wegen Mordes an G gem. §§ 212, 211

Durch ihr Verschlingen könnte sich W des Mordes an G gem. §§ 212, 211 strafbar gemacht haben.

1. Objektiver Tatbestand des § 211

Vorliegend mangelt es allerdings schon am Tötungserfolg, da die G laut Sachverhalt den Bauch des W unbeschadet verlässt.

2. Zwischenergebnis

W hat sich nicht des Mordes an G gem. § 212, 211 strafbar gemacht.

 

VI. Strafbarkeit des W wegen versuchten Mordes an G gem. §§ 212, 211, 22, 23 I, 12 I

Möglicherweise könnte sich W aber des versuchten Mordes gemäß

1. Vorprüfung

a. Nichtvollendung

Der Todeserfolg ist nicht eingetreten (s.o.).

b. Strafbarkeit des Versuchs

Beim Mord handelt es sich gem. § 12 I um ein Verbrechen. Dessen Versuch ist nach § 23 I stets strafbar.

2. Tatentschluss

Fraglich ist, ob W Tatentschluss hinsichtlich des Mordes an G hatte.

a. Vorsatz hinsichtlich der Tötung

Laut Sachverhalt wollte W die G auffressen, um seinen Hunger zu stillen. Er wollte sie somit vorsätzlich töten.

b. Vorsatz hinsichtlich tatbezogener Mordmerkmale

aa. Vorsatz hinsichtlich der Heimtücke

Mit Heimtücke handelt, wer Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers ausnutzt. Arglos ist, wer sich zum Tatzeitpunkt keines Angriffs versieht. Wehrlos wiederum ist das Tatopfer, wenn es aufgrund der Arglosigkeit keine oder eine nur eingeschränkte Verteidigungsmöglichkeit besitzt.
Da die G dachte, dass die R an der Tür sei, versah sie sich keines Angriffs und war somit arglos. Eben aufgrund dieser Arglosigkeit war sie auch wehrlos, denn wäre sie auf den Angriff des W gefasst gewesen, so hätte sie sich beispielsweise mit einer Bratpfanne bewaffnen können oder hätte sich in ihrem Schlafzimmer einschließen können. Dass W es genauso wollte zeigt sich darin, dass er seine Stimme bewusst verstellte.
W handelte somit vorsätzlich hinsichtlich des Mordmerkmals der Heimtücke.

bb. Vorsatz hinsichtlich der Grausamkeit

W könnte zudem vorsätzlich besonders grausam gehandelt haben. Grausamkeit bedeutet, dass dem Opfer mehr Schmerzen oder Qualen körperlicher oder seelischer Art zugefügt wurden als für den eigentlichen Tötungsakt nötig gewesen wären.
Vorliegend hätte nach dem Plan des Wolfs der Tod durch das Zerbeißen der G bzw. spätestens durch qualvolles Ersticken in seinem Bauch eintreten sollen, was größere Schmerzen und Qualen verursacht als zur Tötung der G nötig gewesen wären. W besaß somit auch Tatentschluss hinsichtlich der Grausamkeit

c. Vorliegen subjektiver Mordmerkmale

aa. Sonstige niedrige Beweggründe


Die Tötung um seinen Hunger am Opfer zu stillen, könnte als sonstiger niedriger Beweggrund angesehen werden. Dabei handelt es sich um Beweggründe zur Tötung, die nach allgemeiner sittlicher Wertung auf tiefster Stufe stehen und deshalb besonders verachtenswert sind.
Das Fressen eines Menschen steht nach allgemeiner menschlicher Ansicht auf eindeutig moralisch niedrigster Stufe. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass es sich bei W um einen Wolf handelt. Nach sittlicher Wertung von Wölfen steht das Töten von Menschen wohl nicht auf niedrigster Stufe, da sie sich durch das Verspeisen anderer Lebewesen ernähren.
Insoweit hängt die Strafbarkeit des Wolfes davon ab, welcher sittlich-moralische Maßstab für ihn vorliegend gilt. Bei dieser Abwägung muss berücksichtigt werden, dass der W sich nicht wie ein typischer Wolf verhält. Vielmehr geriert er sich zu einem menschlichen Wesen, da er die Sprache der Menschen erlernt hat und auch mit menschlicher List und Tücke vorgeht. Es würde somit unbillig erscheinen, wenn sich der W nichtsdestotrotz nicht an sittlichen Maßstäben der Menschen messen lassen müsste. Aus diesem Grund erfüllte der W zudem auch das Mordmerkmal der sonstigen niedrigen Beweggründe.

3. Unmittelbares Ansetzen

Um unmittelbar angesetzt zu haben, muss der Täter subjektiv die Schwelle zum „Jetzt geht´s los“ überschritten haben. Da der Tötungsakt durch das Verschlingen vollzogen werden sollte, hat der W diese Schwelle überschritten, sodass er unmittelbar ansetzte.

4. Rechtswidrigkeit und Schuld

Rechtfertigungs- oder Entschuldigungsgründe sind nicht ersichtlich.

5. Ergebnis

W hat sich des versuchten Mordes an G gem. §§ 212, 211, 22, 23 I, 12 I strafbar gemacht.

VII. Strafbarkeit des W wegen Betrugs gem. § 263 an R

Zu einer Täuschung an R aufgrund des Verstellens seiner Stimme gilt das hinsichtlich G Gesagte entsprechend, sodass er sich keines Betrugs strafbar machte.

VIII. Strafbarkeit des W wegen versuchten Mordes gem. §§ 212, 211, 22, 23 I, 12 I an R

Hinsichtlich des versuchten Mordes an R gilt ebenfalls das bezüglich G Gesagte entsprechend, sodass sich W ebenfalls des versuchten Mordes an R strafbar machte.

IX. Strafbarkeit des W wegen Freiheitsberaubung gem. § 239 an G und R

W könnte sich zudem der Freiheitsberaubung an G und R strafbar gemacht haben, da er beide in seinem Magen über längere Zeit gefangen hielt.

1. Objektiver Tatbestand

a) Taugliches Tatobjekt

Taugliches Tatobjekt ist jeder Mensch, der die natürliche Fähigkeit besitzt, sich fortbewegen zu können und dies auch tun zu wollen. Diese Eigenschaften können sowohl in Bezug auf G als auch in Bezug auf R bejaht werden.

b) Tathandlung

aa) Einsperren

Einsperren bedeutet das Festhalten in einem umschlossenen Raum durch äußere Vorrichtungen. Da der Magen des W aber nicht als von Wänden fest umschlossener Raum qualifiziert werden kann, erfüllte er diese Begehungsalternative nicht.

bb) Auf andere Weise der Freiheit berauben

Eine Freiheitsberaubung kann aber auch in einem Verhalten bestehen, durch das ein Mensch daran gehindert wird, seinen aktuellen Aufenthaltsort zu verlassen. Dadurch, dass sie sich im Magen des W befinden, werden R und G am Verlassen des Hauses gehindert, sodass sie somit in anderer Weise von W Ihrer Freiheit beraubt wurden.

2. Subjektiver Tatbestand

Fraglich ist allerdings, ob W die R und die G vorsätzlich Ihrer Freiheit beraubte.
W hielt R und G zu diesem Zeitpunkt bereits für tot, sodass er keinen Vorsatz hinsichtlich einer Freiheitsberaubung besitzen konnte. Er hat damit den subjektiven Tatbestand des § 239 nicht erfüllt.

3. Ergebnis

W hat sich nicht der Freiheitsberaubung gem. § 239 strafbar gemacht.

 

 

Der dritte Teil wird die Strafbarkeit des J beleuchten.

 
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