„Die R und der böse W“ – Aufarbeitung eines Grimm`schen Märchens nach dem heutigen Strafrecht (Teil 1)

 

Ein Beitrag von Christian Steck

 

Es war einmal ein kleines Mädchen. Das war so lieb und nett, dass jedermann sie gern hatte. Von seiner G hatte es ein Käppchen aus rotem Stoff bekommen, das es immer trug und weswegen alle Menschen sie R nannten.

Eines Tages sagte die M zu R: "G ist krank. Bring ihr diese Flasche Wein und dieses Stück Kuchen." Sie wusste, dass R dabei einen Wald durchqueren musste, der von einem gefährlichen W bewohnt wurde, weshalb sie ihr auftrug, nicht vom Wege abzukommen.

Als sie durch den Wald lief, begegnete ihr der W. Sie hatte keine Furcht, denn sie kannte den W nicht und wusste nicht, was für ein böses Geschöpf er war. So dachte sich R auch nichts Böses, als sie ihm verriet, wo das Haus der G zu finden sei. Der W aber überlegte: "Das kleine Mädchen wird lecker sein. Und wenn ich es richtig mache, dann kann ich beide fressen!" Er lief ein Stück mit R und sprach zu ihr: "Siehst du nicht die schönen Blumen? Warum schaust du sie dir nicht an?"
R schaute sich nun um und tatsächlich gab es im Wald sehr schöne Blumen. Und obwohl sie ihrer M versprochen hatte, den Weg nicht zu verlassen, lief R nun immer tiefer in den Wald, um einen Blumenstrauß für die G zu pflücken.

Der W aber lief schnell zum Haus der G und klopfte an die Tür. "Wer ist denn da?", fragte die G. "Ich bin es, das R. Ich bringe Wein und Kuchen, mach die Tür auf", sagte der W mit verstellter Stimme, um die G zu täuschen. "Die Tür ist nicht verschlossen", antwortete die G und in dem Moment sprang der W auch schon ins Haus und verschlang die G. Dann zog er ihre Kleider an, setzte sich ihre Haube auf und legte sich in ihr Bett.

Als R kam und sah, dass die Tür offen stand, rief sie: "Guten Tag!" Aber sie bekam keine Antwort. Und als sie vor das Bett trat und sah, dass die G so anders aussah, fragte das R:

"G, warum hast du so große Ohren?". "Damit ich dich besser hören kann".
"Und warum hast du so große Augen?" "Damit ich dich besser sehen kann?"
"Und was hast du für große Hände!" "Damit ich dich besser fassen kann!"
"Aber, G, was hast du für ein großes, fürchterliches Maul?". "Damit ich dich besser fressen kann!", brüllte der W, sprang auf und verschlang auch das Rotkäppchen.

So satt wie er war, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und schnarchte.

Als zufällig der J vorbeikam, wunderte er sich, wie laut die G schnarchte. Er betrat das Haus, um zu sehen ob es ihr an Etwas fehle. So fand er den W im Bett, den er schon lange gesucht hatte. Dem J war sofort bewusst, dass der W die G gefressen hatte. Deswegen erschoss er ihn nicht, sondern holte eine Schere und schnitt dem W den Bauch auf, um sie zu retten. Der J staunte nicht schlecht, wie er dann sah, dass auch das R aus dem Bauch des W sprang.
Schnell holte der J ein paar große Steine, die er dem W in den Bauch steckte und nähte ihn wieder zu. Als der W aber wieder aufwachte, dachte er: "Wie schwer mir der Magen ist von dem guten Mahl!"

Da er großen Durst hatte, ging er zum Bach, um zu trinken. Er beugte sich nach vorne und weil er so schwere Steine im Bauch hatte, fiel er ins Wasser und ertrank.

R aber schwor sich: "Nie wieder will ich den Weg verlassen, wenn ich der M versprochen habe, es nicht zu tun." Und so lebte sie glücklich und zufrieden mit ihrem Käppchen bis an ihr Lebensende.

 

Wie haben sich die Beteiligten strafbar gemacht?

 

Bearbeitervermerk:
Es ist davon auszugehen, dass es sich bei R, M, G, J und W um voll straffähige Personen im Sinne des StGB handelt. Zur Wahrung von Übersichtlichkeit und Integrität des Sachverhalts empfiehlt sich eine streng chronologische Prüfung der Strafbarkeiten. Strafanträge gelten als gestellt. §§ ohne Bezeichnung sind solche des StGB

 

 

Gutachten:

 

I. Strafbarkeit der M wegen Verletzung der Fürsorgepflicht gem. § 171

Indem M die R in einem Wald sandte, welcher vom bösen W bewohnt wurde, könnte sie sich einer Verletzung ihrer Fürsorgepflicht i.S.v. § 171 strafbar gemacht haben. Dies scheidet aber evident aus, da es zu keiner vom Tatbestand geforderten erheblichen Schädigung kam, die sich negativ auf die körperlichen oder psychischen Entwicklung des Schutzbefohlenen auswirkte: Schließlich lebte R laut Sachverhalt „glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende“.

 

II. Strafbarkeit der R wegen Diebstahls gem. § 242 hinsichtlich des Blumenpflückens

Möglicherweise könnte sich die R eines Diebstahls gemäß § 242 strafbar gemacht haben, indem sie Blumen aus dem Wald entwendete.

1. Objektiver Tatbestand:
Dazu müsste es sich bei den Blumen um eine fremde bewegliche Sache gehandelt haben. An der Sachqualität der Blumen bestehen keine Zweifel. Wie die Möglichkeit des Pflückens beweist, sind die Blumen auch eindeutig beweglich. Allerdings ist fraglich, ob das Kriterium der Fremdheit erfüllt ist. Eine Sache ist dann fremd, wenn sie sich im Eigentum eines Anderen befindet, sie darf also nicht herrenlos sein. Gemäß der Bodenakzession i.S.v. § 946 BGB wäre ein möglicher Grundstückseigentümer auch gleichsam Eigentümer der Blumen. Allerdings enthält der Sachverhalt keine Hinweise auf einen eventuellen Eigentümer des Waldgrundstücks. Insoweit muss von einer Herrenlosigkeit des Grundstücks und damit auch der Blumen ausgegangen werden. R entwendete damit keine fremden Sachen.

2. Ergebnis:
Die R hat sich nicht des Diebstahls gem. § 242 strafbar gemacht.

 

III. Strafbarkeit des W wegen Betrugs gem. § 263

Der W könnte sich des Betrugs nach § 263 StGB strafbar gemacht haben, da er laut Sachverhalt die G täuschte.

1. Objektiver Tatbestand
a) Vorliegen einer Täuschung
Unter einer Täuschung ist die Einwirkung auf das Vorstellungsbild eines anderen zu verstehen, mit dem Ziel diesen über Tatsachen irrezuführen. W verstellte seine Stimme mit dem Ziel, dass die G ihn für R halten würde. Er hat damit das Kriterium der Täuschung im Sinne von § 263 erfüllt.
b) Hervorrufen eines Irrtums
Ein Irrtum wurde dann erfolgreich hervorgerufen, wenn eine Fehlvorstellung über diejenigen Tatsachen erzeugt wurde, die Gegenstand der Täuschung waren. Da W der G glaubhaft machte, dass es sich bei ihm um R handle, rief er auch einen Irrtum hervor.
c) Veranlassung einer Vermögensverfügung
Zudem müsste diese Täuschung zu einer Vermögensverfügung geführt haben. Darunter wird jedes Handeln, Dulden oder Unterlassen verstanden, das unmittelbar vermögensmindernde Wirkung entfaltet. An einer solchen Minderung des Vermögens mangelt es aber im vorliegenden Fall eindeutig.

2. Ergebnis:
Der W hat sich keines Betrugs gemäß § 263 strafbar gemacht.

 

IV. Strafbarkeit des W wegen Hausfriedensbruchs gem. § 123

Indem G das Haus der W betrat, könnte er sich eines Hausfriedensbruch gem. § 123 strafbar gemacht haben.

1. Objektiver Tatbestand
a) Tatobjekt:
W müsste sich Zugang zu einer Wohnung verschafft haben. Eine Wohnung ist eine Räumlichkeit, die zur dauernden oder vorübergehenden Unterkunft von Menschen bestimmt ist. Das Haus der G unterfällt diesem Kriterium, sodass W dieses Merkmal erfüllt hat.
b) Tathandlung
Als Tathandlung des § 123 StGB kommt vorliegend das Eindringen in Betracht. Darunter ist ein körperliches Betreten gegen bzw. ohne den Willen des Berechtigten zu verstehen. Vorliegend muss allerdings im Ausspruch der G „Die Tür ist nicht verschlossen!“ eine Einwilligung zum Betreten der Wohnung gesehen werden. Das eventuelle Ausbleiben der Einwilligung im Falle der Kenntnis der wahren Absichten des W seitens der G führt vorliegend nicht zu einer Erfüllung des Tatbestands „im Nachhinein“. Es kam damit zu keiner tauglichen Tathandlung.

2. Zwischenergebnis
W hat den Tatbestand des § 123 StGB nicht verwirklicht.

 

 

Der zweite Teil wird in Kürze erscheinen und die Geschehnisse ab dem Eintreten des W näher beleuchten.

 

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