Die falsche Richtung?! – Das Studium der Rechte und die Zweifel

 

 

Ein Beitrag von Safak Saricicek

 

1. Einleitung

 

 

Jeder Student der Rechte zweifelt einmal. Tut er dies nicht, muss er über eine unmenschliche Resilienz verfügen. Oder er denkt unentwegt über alles Mögliche nach, nur nicht über sich selbst.

 

Es gibt Vieles, das ihn verzweifeln lassen kann. Gerade in einem Augenblick der großen Mühe reift der hinterfragende Zweifel: Vor Klausuren und beim Anfertigen von Hausarbeiten schwillt das Gefühl an, bis es ihn scheinbar auffrisst. Doch kaum dass er sich versieht, sind zwei Jahre, oder gar das gesamte Studium um. Spätestens jetzt denkt er konsequent über sich nach. Über den Inhalt seiner Tagesabläufe. Darüber, was er erreicht hat. Wieso er es erreicht hat. Was er eigentlich will. Diese Lage trifft jeden anders. Manch einer erreicht sie schleppend und über die Semester hinweg. Andere geraten durch einen plötzlichen Vorfall in sie hinein. Wiederum andere wollen sie nicht kennen und tun dies womöglich wirklich nicht.

Aus diesem Zustand folgt für Jedermann eine eigene Antwort. So gibt es den Menschenschlag, welcher sich zu völlig neuen Wegen angespornt sieht. Die kontemplative Lage kann jedoch den Studierwillen auch festigen und zu neuen Höhen beflügeln. Häufig bietet sich eine Flucht in Parallelleben, in immer zu während scheinende Feiern, sportliche Betätigung oder müßigem Dahinleben. Man kann den Gedanken weiter zu studieren vollends aufgeben und sich auf nie erahnte Reisen begeben. Vielleicht nimmt man das Gefühl auch schlichtweg hin, macht also gleichwohl weiter.

Dieser Zustand soll im Folgenden näher erörtert werden. Dazu werden zunächst einige prägende und besonders empfindsame Persönlichkeiten, welche Studenten des Rechts waren, näher betrachtet. Dem Leser ist es überlassen, eigene Schlüsse aus alledem zu ziehen.

 

2. Berühmte Jurastudenten

 

Goethe, Balzac, Schumann, Marx und Kafka sind auf unterschiedliche Weisen mit dem Studium der Rechte in Berührung gekommen.

Für den 1749 geborenen Goethe begann das Jurastudium auf Anweisung des Vaters, welcher die Stellung eines Justizbeamten innehatte, im Alter von 16 Jahren in Leipzig. Goethe kümmerte sich schon bald wenig um das Studium der Rechte und widmete sich maßgeblich Vorlesungen zur Lyrik. Daneben besuchte er Theateraufführungen, war mit Freunden unterwegs und malte. 1770 studierte er, diesmal mit Ehrgeiz, in Straßburg weiter. Seine Dissertation "De Legislatoribus“ wurde wegen antiklerikaler Ketzereien nicht angenommen, dafür aber erwarb er das Lizenziat "cum applausu“. Mit dem Abschluss des Studiums eröffnete er eine eigene Kanzlei, die aber nur 4 Jahre bestand. Für den Anwaltsberuf konnte er sich nicht faszinieren, obwohl er sich in Texten für die Schaffung einer humanistischeren Rechtsordnung aussprach. Wiederum auf Anweisung des Vaters wurde er schließlich Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar. Der Praktikantentätigkeit schenkte er geringe Aufmerksamkeit. Zu dieser Zeit verliebte er sich nämlich in Charlotte Buff, die Lotte des "Werthers“.

Für den ein halbes Jahrhundert später geborenen Balzac begann die juristische Laufbahn ebenso auf Anregung seines verbeamteten Vaters. 1816 schrieb er sich für ein Jurastudium ein, dazu aber auch für Philosophie und Philologie. Nach einem Jahr war er Hilfskraft bei einem Anwalt, um sodann sein Studium abzubrechen und sich der Literatur hinzugeben. Er wolle "kein Sklave, keine Maschine sein, welche zu festen Zeiten isst und aufsteht.“ Er "sollte wie jeder sein.“ Die Anwaltstätigkeit "werde Leben genannt“, dabei tue man nur stets "das Selbe und wieder das Selbe wie ein Mühlenrad“. Sein "Hunger“ werde damit nicht gestillt. Im Ergebnis nahm seine Familie dies hin und hinterließ ihm eine spartanische Dachwohnung, in der er fortan obsessiv schrieb.

Ähnlich erging es dem 1810 zur Welt gekommenen Robert Schumann. Er selbst beschrieb sein Leben "als ein Kampf zwischen Gedicht und Prosa“ oder "zwischen Musik und Recht“. Von seiner Mutter und seinem Vormund wurde ihm vorgeschrieben, sich für Jura einzuschreiben. Dem leistete er Gefolge und immatrikulierte sich 1828 in Leipzig für das Studium der Rechtswissenschaft. Dort verbrachte er seine Tage musizierend, lesend, schreibend und philosophische Vorlesungen besuchend. Dabei "läuft es“ ihm "eiskalt über den Rücken“ wenn er an seine Zukunft denken muss. Aus selbigem Grund will er sich von da an ernsthaft dem Rechte widmen und reist zu dem Zweck nach Heidelberg. Sein Vorsatz wird aber nicht eingehalten. Nur Thibaut vermag ihn zu bannen, denn dieser veranstaltet musikalische Abende mit den Werken Händels und Palästrinas. Eine Italienreise im Jahre 1830 gibt dann den Ausschlag: Schumann schreibt an seine Mutter, um Pianist werden zu können.

Zeitlebens Revolutionär, kam Karl Marx 1818 auf die Welt. Der Sohn eines Rechtsanwalts studierte 1835 in Bonn die Rechte und Kameralistik. Hierzu leitete ihn sein Vater an, welcher Jura als weitaus praktischer als die von Marx angestrebten literarischen, wie auch philosophischen Studien, betrachtete. Schon als Student war Marx dem Staate bekannt: So wurde er wegen Trunkenheit verurteilt. Man ermittelte zudem gegen ihn, weil er einen Säbel bei sich trug. In den Anfangssemestern hatte Marx durchaus gute Noten, welche dann aber schlechter wurden, weshalb er 1836, auf väterliche Anweisung hin, in die als seriöser empfundene Berliner Fakultät entsandt wurde. In Berlin besuchte er neben juristischen auch philosophische und historische Vorlesungen. Denn, so Marx, es könne "ohne Philosophie nichts erreicht werden“. 1844 promovierte er daher auch als Philosoph in Jena.

Franz Kafka, eine überaus illustre Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts, geboren im Jahre 1883, fing 1901 in Prag erst einmal an Chemie zu studieren. Nur zwei Wochen danach wechselte er zur Rechtswissenschaft, größtenteils motiviert durch den Vater und der Länge des Studiums, welche ihm Studien in der Germanistik, wie auch der Kunstgeschichte erlauben würde. In seinem Bekanntenkreis befinden sich Schauspieler, Philosophen und Journalisten. In seiner freien Zeit liest Kafka besonders gerne die Werke Flauberts, Goethes, Grillparzers und von Kleists. All den Autoren ist es gemeinsam, auch die Rechte studiert zu haben. 1906 wird Kafka zum Doktor der Rechte ernannt, 1907 beginnt er bei einer Versicherungsagentur zu arbeiten. Diese Arbeit plagt ihn sehr, weil literarische Versuche durch die Arbeitszeiten erschwert werden. So kommt es, dass Kafka ein Jahr später zu einer Arbeiterversicherungsgesellschaft wechselt, wo ihn die Arbeitszeiten glücklicher stimmen.

Die soeben aufgeführte Avantgarde verbindet es zum einen, jeweils fremdbestimmt in das Rechtsstudium eingetaucht zu sein. Sie verbindet ebenfalls, keineswegs absolut geradlinig studiert zu haben, sondern sich stattdessen mit schwankender Neugier an das Recht heranzutasten. Ihre Studienzeit gestalteten sie aktiv und selbstbestimmt. Mit dem juristischen Beruf selbst entweder nicht zu Recht kommend, als einengend empfindend, oder zumindest nicht liebend, entwickelten sie sich zu Leitfiguren des Schöpfertums. Alle Vertreter dieser Avantgarde eint es ebenfalls, dass sie allesamt ein großes Wohlwollen gegenüber der Philosophie oder künstlerischen Ausdrucksformen besitzen.

Für den Jurastudenten des 21. Jahrhunderts vermögen diese Schlüsse anfangs nur von mäßiger Hilfe zu sein, wenn er in die Lage des Zweifelns und der Leere gelangt ist. Doch bei genauerem Hinsehen können sie ihm Mut machen. Jahrhunderte vor ihm sind außergewöhnliche Menschen in das Studium des Rechts getaumelt. Manch einer ergriff als Konsequenz die Flucht, ein anderer fand erst später seinen Zugang, um dann doch völlig neuartige Pfade zu beschreiten und zu ergründen. Weiteren gelang es, die Studien und dazugehörigen Berufungen praktisch mit der in ihnen brennenden Leidenschaft zu ergänzen. Andere gelangten nie zur Zielgeraden der rechtlichen Studien, wohl aber zu der von anderen Feldern und Sphären. Selbst auf dem Boden der Tatsache, dass keiner außer Kafka den juristischen Beruf ernsthaft und andauernd ausübte, hat das Studium jeden einzelnen dieser klugen Köpfen höchstwahrscheinlich etwas mitgegeben. Schon vom Aspekt der juristischen Arbeitsweise her, sind womöglich Spuren in den Werken der obigen Visionäre zu finden. Die Rechtswissenschaft basiert nämlich auf gedanklicher Präzision, im Strukturdenken, der genauen, gar schon naturwissenschaftlich anmutenden Analyse sozialer Probleme. Die Analyse derartiger Probleme findet sich in den Werken aller genannten Persönlichkeiten wieder: So war Balzac beispielsweise eine der Speerspitzen des schriftstellerischen Realismus. Seine Schilderungen zeichnen mit scharfer Feder die Linien unvollkommener, mehrdeutiger Charaktere und Abgründe der damaligen Zeit. Marx erfasst tiefgreifende soziale Umwälzungen seiner Zeit und zeichnet anhand dessen eine in seinen Augen bessere Gesellschaft. Schumanns Symphonien strukturieren in der Musik Gefühlsaufwallungen, wie sie wahrscheinlich kein Wort begreifbar machen kann. Fast sämtliche Werke Kafkas sind von beinah ominös herumwaberndem Recht geprägt. In Goethes Werken findet sich zudem eine Fülle an Sozialkritik und rechtlichen Allegorien.

Auch der heutige Student wird zum Teil aus einem Überwiegen seines Ideenreichtums in die problematische "Zweifelslage“ geraten. Das Dilemma beruht teils eben in der aufbegehrenden Schöpferpersönlichkeit mancher Jurastudenten, überwiegend jedoch in der klar umgrenzten rechtlichen Denkweise, die jedwede vorhandenen anderweitigen Neigungen erstickt.

Nun muss dieser elementare „Kampf“ zwischen Ratio und Gefühl, Kreativität und Gesetzesbezogenheit, kurzum der eigenen Person und dem was das Studium fordert, entschieden werden. Das Rechtsstudium kann dabei die sprudelnde Quelle rasender Ideen bändigen und sie in logische Bahnen lenken. So sieht es im Falle Goethes aus. Besonders empfindsamen Geistern - wie Schumann - kann das Recht schnell den entscheidenden Anstoß zum richtigen Lebensweg weisen. Wiegt hingegen die Ratio stark über, kann das juristische Studium auch zu einengend wirken, wie es scheinbar bei Karl Marx der Fall war. So unterschiedlich die Beziehungen der jeweiligen Persönlichkeiten zum Studium der Rechte auch gewesen sein mögen, so sehr hat es sie alle in irgendeiner Weise geprägt.
Dass Zweifel am Jurastudium nicht nur Dichter und Denker in ihren Lebenswegen beeinflussten, sondern auch (un-)mittelbaren Eingang in literarische Werke fanden, wird im zweiten Teil des Beitrags aufgezeigt.

 

 

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