Heidelberger Kulturvortrag – Braucht Politik Religion?

 

Ein Beitrag von Jan-Willem Prügel

 

Im Rahmen der Vortragsreihe „Glaube, Kunst und Wissenschaft“, die im Jahr 2012 unter der Ägide von Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer in regelmäßigen Abständen in Heidelberg stattfand, wurde am Dienstag, den 18. Dezember 2012, ein Diskurs über das Verhältnis von Politik und Religion im heutigen Deutschland gehalten. Unter der professoralen Moderation des Veranstalters sollten Dr. Heiner Geißler, Bundesminister a.D., und Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Paul Kirchhof, Bundesverfassungsrichter a.D., ihre Meinungen über das kontroverse Thema kundtun. Aus unvorhergesehenen Gründen konnte Letzterer jedoch nicht erscheinen, sodass der Moderator geistesgegenwärtig improvisierte und ein angeregtes Streitgespräch mit Herrn Geißler nach dessen Vortrag lostrat.

Der Hörsaal 13 der Neuen Uni war schon eine halbe Stunde vor offiziellem Beginn fast vollständig gefüllt; auch ein Filmteam war anwesend. Viele Heidelberger waren gekommen, um die beiden Juristen über das aktuell besonders hitzig diskutierte Thema referieren zu hören. Auch Manfred Lautenschläger, stadtbekannter Mäzen und Freund der Universität, war als Ehrengast anwesend.

Prof. Borchmeyer eröffnete die Veranstaltung mit einer kurzen Begrüßung und der thematischen Einführung. Seit es Politik gebe, habe sie auch immer mit der Religion koexistiert, so der Theologe und Germanist. Dennoch war es erst der Laizismus, der den modernen Rechtsstaat ermöglichte. Heute werde es als Menetekel gesehen, wenn Politiker religiöse Gedanken in ihre Amtshandlungen einfließen ließen. Gerade im Hinblick auf den durch Einwanderung nach Deutschland kommenden Islam gewinne die Problematik an neuer Brisanz. Dass man Religion nicht aus der Gesellschaft und somit mittelbar aus den Geschicken des Staates entfernen kann, leuchte ein. Aber sei Glaube vielleicht sogar unabdingbare Voraussetzung für gute Politik? Zur Beantwortung dieser Frage wurde Heiner Geißler unter schallendem Beifall ans Rednerpult berufen.

Der vor allem durch seine Schlichterrolle bei Stuttgart 21 bekannte Jurist und ehemalige Bundesminister relativierte die Antwort zunächst. „Teils, teils“, gab er an. Eine Gefahr für Rechtsstaat und Demokratie gehe ohnehin nur von den großen sog. prophetischen Religionen, also Islam, Christentum und Judaismus aus. Anders als etwa Buddhismus hätten diese einen Absolutheitsanspruch, den sie durch Missionierung aller Andersgläubigen durchsetzen wollten. Darin liege eben auch die Gefahr sowohl für neutrales Staatsdenken als auch faires Sozialverhalten.

Geißlers sozio-historische Analyse des Christentums in der westlichen Welt kommt dabei zu einem gespaltenen Ergebnis. Einerseits habe das Christentum schon von Anfang an durch den biblischen Sündenfall eine Verteufelung der Frau eingeführt, da diese angeblich die Sünde in die Welt brachte. Die Ungleichheit von Mann und Frau sei noch bis heute in den unterschiedlichen Gehältern zu spüren. Selbst bis 1957 habe eine Ehefrau gemäß BGB kein Bankkonto ohne Zustimmung ihres Mannes eröffnen können. Andererseits sei laut Geißler das von Jesus gepredigte Evangelium „die beste Botschaft in der Geschichte der Menschheit“. Nur durch Jesu Worte, v.a. in der Bergpredigt, sei der Gedanke der Gleichheit aller Menschen und die Nächstenliebe in die Welt getragen worden. Dieses ethische Fundament brauche die Politik, um ihren Dienst am Bürger erfüllen zu können. Eine kalte, profitorientierte Regierungsweise sei schädlich für das Gemeinwohl. Stattdessen benötige es die soziale Marktwirtschaft, den „heiligen Gral“ der politischen Wirtschaftsformen.

Nach tosendem Beifall nahm Herr Geißler wieder beim Rednerpult Platz und stellte sich einigen Fragen des Moderators, der bewusst in die Rolle des advocatus diaboli schlüpfte, um einige pikante Fragen zu stellen, ohne persönlich damit übereinzustimmen.

Den Anfang machte die Frage Prof. Borchmeyers an den Gast, warum denn Menschenwürde unantastbar sein solle. Nur weil dies in einem Gesetz festgehalten wurde, müsse das doch nicht zwingend die Grundlage einer Verfassung sein. Während es im Publikum bereits zu ersten Entrüstungen von Zuschauern kam, die vergessen hatten, dass Borchmeyer nur so tat als ob, blieb der Minister a.D. gelassen. Er konterte, dass es eine Erkenntnis a priori sei, die Menschenwürde zu kodifizieren. Die Unantastbarkeit sei also schlicht von allgemeiner, naturrechtlicher Gültigkeit und könne nicht weiter hinterfragt werden. Ähnlich wie eine Kausalitätskette auch ein Erstereignis haben muss, das nicht weiter zurückverfolgt werden kann. Geißler zog sich so somit durch eine philosophische Standardfloskel aus der durchaus komplexen Fragestellung.

Der Dialog verlief im Anschluss daran wie ein Tennisspiel, bei dem sich die beiden Herren gegenseitig versuchten, durch Logik und Rhetorik auszuspielen. Besonders brisant wurde das Gespräch, bei der eigentlich unbeabsichtigt aufkommenden Thematik der Wichtigkeit von Theologen im Allgemeinen. Laut Geißler seien einige dieser verantwortlich für die moralische Vergiftung des Volkes und Fehlinterpretationen heiliger Schriften. Als Beispiel nannte er Ayatollahs aber auch die christlichen Gelehrten Augustinus und Thomas von Aquin, die im Hinblick auf ihre frauenfeindlichen Aussagen das schwächere Geschlecht für Jahrhunderte in ihrem Ruf beschädigt hätten. Sein Gegenüber, ein studierter Theologe, widersprach dieser Äußerung vehement und versuchte, zunehmend emotionsgeladen, das Image der Religionsgelehrten zu verteidigen. Ob er seine Rolle als advocatus mittlerweile aufgegeben hatte oder lediglich ein hervorragender Schauspieler war, ließ sich nicht mehr sicher sagen. Feststeht, dass das Publikum in diesem Punkt klar Geißlers Ansichten favorisierte, der es verstand, komplexe Theorien Borchmeyers mit einfachen Gleichnissen zu kontern, Fremdworte zu vermeiden und dabei gelassen und freundlich zu erscheinen. Dass der Berufspolitiker kurze Zeit als Novize in einem Jesuitenorden Theologie studiert hatte, war seiner Glaubwürdigkeit sicherlich auch nicht abträglich. Kurz darauf wurde die Veranstaltung dann aufgrund der Ausschöpfung des zeitlichen Rahmens zum Ende geführt.

Zwar hätte eine Konfrontation des Politprofis mit Prof. Kirchhof sicherlich eine spannende Mischung ergeben, allerdings gelang es dem Moderator, den Abend durch den Dialog zu retten.

Schade war, dass beide Redner fromme Christen waren, die die Problematik nur einseitig beleuchteten. Wie hätte ein atheistischer/agnostischer oder zumindest wenig gläubiger Gast wohl argumentiert? Es ist zweifelhaft, dass jeder der Wichtigkeit des Evangeliums in der deutschen Politik so zustimmen würde wie Geißler und Borchmeyer es tun. Es wurde überhaupt nicht infrage gestellt, ob ein moderner Staat völlig auf die christlichen Anklänge verzichten sollte, gerade auch sub specie der steigenden Zahl von Atheisten/Agnostikern und nichtchristlichen Einwanderern. Diesen Wählern wird es sauer aufstoßen, wenn ein führender Politiker vom Evangelium Jesu als „beste Botschaft in der Menschheitsgeschichte“ redet. Doch das Thema wird noch lange vor sich hinschwelen und andere werden hoffentlich kontroversere, differenziertere Debatten darüber austragen.

 

 

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