Vierzehntes Türchen: Dichter, Denker und das Studium der Rechte

 

Ein Beitrag von Şafak Sarıçiçek

 

 

Viele Personen der Zeitgeschichte haben sich zumindest einen Teil ihres Lebens mit der Jurisprudenz befasst. Doch die Beziehung vieler Dichter und Denker zum Studium der Rechte war keineswegs makellos. Vielmehr ächzten sie oftmals unter der Last der Paragraphen und fanden beispielsweise in Lyrik, Philosophie oder Musik einen Ausgleich zur Rechtswissenschaft. Im Folgenden sollen die Studienerfahrungen fünf berühmter Jurastudenten näher beleuchtet werden:

 

 

Johann Wolfgang von Goethe

Für den 1794 geborenen Goethe begann das Jurastudium auf Anweisung des Vaters – einem Justizbeamten – im Alter von 16 Jahren in Leipzig. Goethe kümmerte sich aber schon bald wenig um das Studium der Rechte und widmete sich viel lieber Vorlesungen zur Lyrik. Nebenbei besuchte er Theateraufführungen, war mit Freunden unterwegs und ging der Malerei nach. 1770 studierte er, diesmal mit Ehrgeiz, in Straßburg weiter. Allerdings wurde seine Dissertation ,,De Legislatoribus“ wegen antiklerikaler Ketzereien nicht angenommen. Dennoch erwarb er das Lizenziat „cum applausu“. Mit dem Abschluss des Studiums eröffnete er eine eigene Kanzlei, die aber nur vier Jahre lang bestand. Obwohl er sich in Texten für die Schaffung einer humanistischeren Rechtsordnung aussprach, konnte er sich für den Anwaltsberuf nicht begeistern. Wiederum auf Anweisung des Vaters wurde er schließlich Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar. Der Praktikantentätigkeit schenkte er nur geringe Aufmerksamkeit. Denn zu dieser Zeit verliebte er sich nämlich in Charlotte Buff, die Lotte des ,,Werthers“.

 

Honoré de Balzac

Für den 50 Jahre später geborenen französischen Schriftsteller Honoré de Balzac begann die juristische Laufbahn gleichsam auf Anregung seines verbeamteten Vaters. 1816 schrieb er sich für ein Jurastudium ein. Zugleich belegte er aber auch die Nebenfächer Philosophie und Philologie. Nach einem Jahr wurde er Hilfskraft bei einem Anwalt, bevor er sein Studium abbrach, um sich vollständig der Literatur hingeben zu können. Er wolle ,, kein Sklave, keine Maschine sein, welche zu festen Zeiten isst und aufsteht“. Die Anwaltstätigkeit ,,werde Leben genannt“, dabei tue man nur stets ,,das Selbe und wieder das Selbe wie ein Mühlenrad“. Sein „Hunger“ werde damit nicht gestillt. Im Ergebnis nahm seine Familie dies hin und hinterließ ihm eine spartanische Dachwohnung, in der er fortan obsessiv an seinen Werken schrieb.

 

Robert Schumann

Ähnlich erging es dem 1810 zur Welt gekommenen Komponisten Robert Schumann. Er selbst beschrieb sein Leben ,, als ein Kampf zwischen Gedicht und Prosa“ oder ,,zwischen Musik und Recht“. Von seiner Mutter und seinem Vormund wurde ihm vorgeschrieben, sich für Jura einzuschreiben. Dem leistete er Folge und immatrikulierte sich 1828 in Leipzig für das Studium der Rechtswissenschaft. Hier verbrachte er seine Tage musizierend, lesend, schreibend und indem er philosophische Vorlesungen besuchte. Dabei sei es ihm ,,eiskalt über den Rücken [gelaufen]“ wenn er an seine Zukunft habe denken müssen. Aus selbigem Grund wollte er sich von da an ernsthaft dem Rechte widmen und reiste zu dem Zweck nach Heidelberg. Seinem Vorsatz konnte er aber nicht gerecht werden. Nur Thibaut vermochte ihn in seinen Bann zu ziehen, denn dieser veranstaltete musikalische Abende mit den Werken Händels und Palästrinas. Eine Italienreise im Jahre 1830 gibt dann den Ausschlag: Schumann schrieb an seine Mutter, um ihr mitzuteilen, dass er fortan Pianist sein werde.

 

Karl Marx

Zeitlebens Revolutionär, kam Karl Marx 1818 auf die Welt. Der Sohn eines Rechtsanwalts studierte 1835 in Bonn die Rechte und Kameralistik. Hierzu leitete ihn sein Vater an, welcher Jura als weitaus praktischer erachtete als die von Marx angestrebten literarischen und philosophischen Studien. Schon als Student war Marx dem Staate bekannt: So wurde er wegen Trunkenheit verurteilt. Man ermittelte zudem gegen ihn, weil er einen Säbel bei sich getragen hatte. In den Anfangssemestern schrieb Marx durchaus gute Noten, doch ihm gelang es nicht derartige Erfolge auch in höheren Semestern zu erzielen. Deshalb wurde er 1836, auf väterliche Anweisung hin, in die als seriöser empfundene Berliner Fakultät entsendet. In Berlin besuchte er neben juristischen auch philosophische und historische Vorlesungen. Denn, so Marx, es könne ,ohne Philosophie nichts erreicht werden“. 1844 promovierte er sich daher auch zum Doktor der Philosophie in Jena.

 

Franz Kafka

Franz Kafka, geboren im Jahre 1883, begann 1901 in Prag ein Studium der Chemie. Nach nur zwei Wochen wechselte er allerdings zur Rechtswissenschaft. Größtenteils war dies durch den Vater motiviert. Doch die Länge des Studiums erlaubte ihm Studien der Germanistik und der Kunstgeschichte. In seinem Bekanntenkreis befanden sich Schauspieler, Philosophen und Journalisten. In seiner freien Zeit las der junge Kafka besonders gerne die Werke Flauberts, Goethes, Grillparzers und von Kleists. 1906 erwarb Kafka den Doktorgrad der Rechtswissenschaft, um nur ein Jahr später mit seiner Tätigkeit bei einer Versicherungsagentur zu beginnen. Diese Arbeit plagte ihn nicht nur wegen ihrer Tristesse sehr, denn literarische Versuche wurden durch die ausgedehnten Arbeitszeiten stark erschwert.

 

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