Interview mit Dr. Nicolas Nohlen, LL.M. (Yale)

 

Das Interview führten Fabienne Gieshoidt und Christian Steck

 

Dr. Nicolas Nohlen, LL.M. (Yale) hat vor rund 10 Jahren die StudZR gegründet und war deren erster Chefredakteur. Nach dem ersten Staatsexamen promovierte er in Heidelberg, um sodann einen LL.M. an der renommierten Yale Law School abzulegen. Mittlerweile ist er als Senior Associate bei der Wirtschaftskanzlei Hengeler Mueller in Frankfurt tätig. Wir haben ihn zu den verschiedenen juristischen Stationen befragt und herausgekommen ist ein vierteiliges Interview:

 

Themenblock 1: Jurastudium in Heidelberg

 

Ein Porträt des SPIEGEL über die Juristische Fakultät der Ruperto Carola aus dem Jahr 2005 trägt den Titel „Das deutsche Harvard“. Dieser Titel ist Dir zu verdanken, denn Du hast damals gesagt, dass Heidelberg für Dich das Harvard Deutschlands sei. Was hat Dich zu der Aussage bewogen und hat sie auch heute noch Gültigkeit?

Das ist natürlich lange her... Ich denke, mit der Aussage wollte ich damals zum Ausdruck bringen, dass sich in den Augen vieler in Heidelberg eine sehr renommierte, ja vielleicht die renommierteste Juristische Fakultät Deutschlands befindet. Dieses Renommee ist sicherlich vor allem in der jahrhundertelangen Tradition der Heidelberger Juristenfakultät begründet. Auch in den heutigen Rankings landet Heidelberg meist vorne und das hat sicher gute Gründe. Ich würde meine Aussage aus dem Jahre 2005 also auch heute noch so unterschreiben.

Was macht für Dich Heidelberg so besonders?

Besonders gut gefallen haben mir stets der wissenschaftliche Geist und das universitäre Selbstverständnis, dass man an die eigenen Studierenden glaubt und ihnen zutraut, Außergewöhnliches zu leisten.

Wie zeigt sich dieses Selbstverständnis?

Ich persönlich habe das insbesondere über die StudZR, die ich 2004 gemeinsam mit einigen meiner Kommilitonen gegründet habe, erfahren können. Die Fakultät und ihre Professoren haben das Projekt, das damals in Deutschland Neuland und dessen Erfolg sicher nicht vorprogrammiert war, in jeglicher Hinsicht gefördert. Das Vertrauen in und der Glaube an die eigene Studentenschaft war – und ich nehme an – ist immer noch sehr groß.

Was sind – innerhalb und außerhalb des Jurastudiums – Deine schönsten Erinnerungen an Heidelberg?

Da ich gebürtiger Heidelberger bin, verbinde ich natürlich sehr viel mit Heidelberg. Meine Familie lebt dort, auch viele meiner Freunde aus Schulzeiten sind immer noch in Heidelberg oder kommen zumindest zur Weihnachtszeit oder anderen Anlässen zurück. Heidelberg ist zudem eine wunderschöne Stadt mit der Altstadt, dem Schloss, der alten Brücke und dem Neckar.
Mit Blick auf mein Studium erinnere ich mich besonders gerne an meine Zeit am Max-Planck-Institut (MPI). Ich war dort als HiWi angestellt und habe auch an dem „Jessup-Moot-Court“ teilgenommen. Der Moot-Court war eine wirklich sehr intensive Zeit, in der ich sehr viel gelernt habe, weil man zusammen an einem Fall arbeitet, viele "ups and downs" erlebt und es sehr auf Teamwork ankommt.

An die StudZR wirst Du sicher auch denken...

Selbstverständlich ist auch die Arbeit rund um die StudZR etwas, an das ich mich gerne erinnere. Auch da kam es auf Teamwork an. Und wie gesagt, haben ich und meine Mitstreiter bei der StudZR auch erleben können, wie offen die Professoren und der sogenannte wissenschaftliche Mittelbau einer engen fachlichen Zusammenarbeit mit den Studierenden gegenüberstehen. Das hat mich positiv überrascht und war für den Erfolg der StudZR unerlässlich.

Stehst Du immer noch in Kontakt mit der aktuellen Redaktion der StudZR?

Erfreulicherweise ja. Ich bin immer noch eng verbunden mit der StudZR. Jüngst war ich auf der Veranstaltung zum zehnjährigen Jubiläum der StudZR in Heidelberg. Mit den ehemaligen und aktuellen Chefredakteuren habe ich intensiven Kontakt. Es freut mich sehr, dass die Generationen, die nach der Gründerredaktion übernommen haben, das Projekt so freudig und engagiert weiterführen und die StudZR heute lebendiger ist denn je.

Der bereits angesprochene Artikel im SPIEGEL charakterisiert Dich als Musterstudenten. Hattest Du ein spezielles Erfolgsgeheimnis?

Wenn ich mich richtig erinnere, steht in dem SPIEGEL-Artikel ja gerade, dass ich kein klassischer Musterstudent war, da ich nicht in sämtliche Vorlesungen gegangen bin. Das trifft es meines Erachtens auch besser. Dies war vor allem dem Umstand geschuldet, dass ich recht früh als HiWi am MPI und auch bei Frau Professor Juliane Kokott, damals noch Professorin in St. Gallen, gearbeitet habe und da ziemlich eingespannt war. Ab dem dritten Semester begann dann die Arbeit mit der StudZR, in die ich auch sehr viel Zeit gesteckt habe. Dabei ist natürlich dann auch die eine oder andere Vorlesung zu kurz gekommen.

Klingt wirklich nach einer sehr individuellen Gestaltung des Studiums...

Ja, vielleicht war das auch ein Versuch, sich dem „Standardbetrieb“ des Jurastudiums ein bisschen zu entziehen. Mir hat das Verfassen von Hausarbeiten keine besonders große Freude bereitet. Da saßen eben alle Kommilitonen am genau gleichen Fall und am Ende kamen mehr oder weniger alle zu ähnlichen Lösungen. Ich habe mir deshalb schon früh die Frage gestellt, welche anderen Aufgaben mich interessieren könnten und die HiWi-Tätigkeiten ergaben sich dann sogar eher zufällig. Da habe ich meiner Meinung nach sehr viel Glück gehabt. Als HiWi war ich dann jedenfalls allein für ein bestimmtes Projekt oder einen bestimmten Aufgabenbereich zuständig und habe dort viel neuen Input bekommen und Neues gelernt.

Kannst Du Deinen Weg also auch anderen empfehlen?

Ich glaube, es gibt nicht den einen richtigen Weg. Ich will jedenfalls niemandem empfehlen, auf den Besuch von Vorlesungen zu verzichten. Im Gegenteil: Ich habe die Vorlesungen in Heidelberg immer als sehr interessant und lehrreich empfunden. Wer aber nicht nur "Dienst nach Vorschrift" machen will, dem rate ich, immer wache Augen und offene Ohren zu haben und aktiv zu schauen, was es für Möglichkeiten gibt, sich über das normale Studienpensum hinaus einzubringen – sowohl in fachlicher als auch in persönlicher Hinsicht.

 

Themenblock 2: LL.M. an der Yale Law School

 

Was hat Dich zur Entscheidung bewogen, an der Yale Law School einen LL.M. zu absolvieren?

Zunächst stellt sich ja die Frage, ob man überhaupt einen LL.M. machen möchte. Man muss sich also überlegen, ob man tatsächlich noch ein Jahr ins Ausland will, man insbesondere sein Englisch noch etwas schärfen, und – vielleicht am Wichtigsten – ob man neue Leute und Kulturen kennenlernen möchte. Hat man diese ersten Fragen für sich bejaht, dann folgt die nächste Frage, die lautet: „Wo will ich hin?“. Ich denke, diese Entscheidung hängt dann maßgeblich davon ab, was man sich von dem Jahr im Ausland erwartet. Ich persönlich wollte für den LL.M. unbedingt an die Ostküste der USA. Die Gründe dafür kann ich heute gar nicht mehr so genau erklären. Ich hatte mich jedenfalls ausschließlich für Universitäten an der U.S.-Ostküste beworben und dann abgewartet, wo ich genommen werde.

Und warum hast Du Dich letztlich für Yale entschieden?

Yale bietet ein sehr kleines LL.M.-Programm mit nur durchschnittlich 25 Leuten pro Jahr an. Um dort genommen zu werden, muss man viel Glück haben. Im Falle einer Zusage kann man dieses Angebot kaum ausschlagen. Außerdem ist das Programm sehr wissenschaftlich ausgerichtet. Zum damaligen Zeitpunkt habe ich eine wissenschaftliche Laufbahn angestrebt. Deswegen fiel mir die Wahl letztlich relativ leicht.

Könntest Du noch etwas näher darauf eingehen, wie schwer es war, an eine Yvy-League-Universität zu kommen, insbesondere nach Yale?

Wenn eine Bewerbung geklappt hat, kann man natürlich nur schwer sagen, wie schwer es war, angenommen zu werden. Gerade in Yale ist es in erster Linie eine Profilfrage, denn sie wollen dort vor allem wissenschaftlich ausgerichtete Bewerber. Das bedeutet, dass man ihnen mithilfe der Bewerbungsunterlagen glaubhaft machen können muss, dass man wissenschaftlich interessiert ist und auch später in die Wissenschaft will. Natürlich ist es nicht so, dass es jeden Yale-Absolventen tatsächlich auch in die Wissenschaft verschlägt. Viele sind sicherlich während des Studiums davon überzeugt, dass die Wissenschaft das (einzige) Ziel ist, entscheiden sich dann aber doch für einen anderen Beruf. Ich selbst bin beispielsweise Anwalt geworden und in der Kanzlei, in der ich arbeite (Hengeler Mueller), gibt es auch noch weitere Anwälte mit einem LL.M. aus Yale.

Welche weiteren Faktoren spielen aus Deiner Sicht bei der LL.M.-Bewerbung eine Rolle?

Ich denke, dass die Personen, die für den Bewerber die Empfehlungsgutachten schreiben, eine wichtige Rolle spielen: Es geht darum, welches Standing diese Personen haben und wie überzeugend der Inhalt des Gutachtens ist. Natürlich sind auch die Examensnoten sehr wichtig, ebenso wie extracurriculares Engagement. Es gibt aber eine große Anzahl an Leuten, die eine hervorragende Vita vorweisen können und die soeben genannten Kriterien erfüllen. Nimmt man alle Bundesländer zusammen und berücksichtigt man, dass es mehrere Examenstermine pro Jahr gibt, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass sich für ein und dasselbe LL.M.-Programm mehrere "Landesbeste" bewerben. Die Konkurrenz ist also stark. Deswegen braucht man auch einfach ein bisschen Glück, um in das gewünschte LL.M.-Programm hinein zu kommen.

Nun würde uns interessieren, welche Unterschiede zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Jurastudium bestehen?

Das gesamte Studiensystem in den USA ist anders ausgerichtet als in Deutschland. Während wir Abitur machen und dann anfangen, ein bestimmtes Fach zu studieren, folgt in den USA zunächst nach der Highschool das eher fachunspezifische College. Für 4 Jahre lang geht also sozusagen die Schulbildung auf universitärem Niveau weiter. Erst nach der Collegezeit folgen dann die sogenannten „Graduate Schools“ und erst ab diesem Level widmet man sich dann – bei den Law Schools für drei Jahre – einem spezialisierten Studienfach, also beispielsweise Jura.

Welche Unterschiede gibt es noch?

Viele Unterschiede sind durch die verschiedenen Rechtsysteme begründet, unsererseits das Civil Law und in den USA etwa das Common Law. Letzteres bedeutet weitaus weniger geschriebenes Recht, der Schwerpunkt liegt auf gerichtlichen Entscheidungen.
In Yale, wie an vielen weiteren U.S. Law Schools, kommen auf einen Professoren weitaus weniger Studenten als in Deutschland. Man kann viel in keinen Gruppen arbeiten. Man kann auch unproblematisch bei jedem Professor klopfen und mit ihm diskutieren. Darüber hinaus gibt es die sogenannten „Reading Groups“, die freiwillig gegründet werden, für die man aber auch Credits bekommt. Dadurch kann man seinen Abschluss unter anderem mit Kursen bestreiten, deren Inhalt man selbst festlegt. In diesen Gruppen sitzen dann manchmal nur vier oder fünf Leute zusammen und diskutieren über die verschiedensten rechtswissenschaftlichen Themenbereiche und erbringen dabei anrechenbare Studienleistungen. So etwas wäre an deutschen Universitäten wahrscheinlich schwierig umsetzbar.

 

Kannst Du vielleicht noch einmal herausstellen, in welcher Weise Du konkret vom LL.M. profitiert hast?

Das eine ist natürlich, dass man einen Abschlusstitel erhält. Das kann den Lebenslauf verbessern und bei Bewerbungen hilfreich sein. Ich glaube, dass man aber vom LL.M. vor allem in persönlicher Hinsicht profitiert: Man lernt so viele neue und interessante Menschen aus allen Teilen der Welt kennen, mit denen man in diesem Jahr eng zusammenwächst. Ich denke, es ist vor allem das, was über Jahrzehnte hängen bleibt: Die Freundschaften, die daraus entstehen und die man auch im Nachhinein noch pflegt.
Aber auch in fachlicher Hinsicht habe ich natürlich wahnsinnig viel gelernt über die Unterschiede der Rechtssysteme, das juristische Englisch sowie die Kontakte zu den Professoren.
Bottom Line: Ich kann das Auslandsjahr im Rahmen des LL.M.-Studiums nur empfehlen, wenn es irgendwie in den Lebensplan passt!

 

 

Themenblock 3: Tätigkeit bei Hengeler Mueller

 

Was reizt Dich besonders an Deiner Tätigkeit bei Hengeler Mueller?

Zunächst einmal ist es, denke ich, die Herausforderung, jeden Tag an spannenden Mandaten mitarbeiten zu können. Das hält einen fit und sorgt dafür, dass keine Langeweile aufkommt. Täglich muss man neue Situationen meistern. Es ist wirklich selten, dass man ein zweites Mal genau das Gleiche macht. Dazu kommen die netten und schlauen Kollegen, mit denen man täglich zusammenarbeitet und von denen man viel lernen kann. Die Hilfsbereitschaft unter den Kollegen ist hoch, das Klima ausgesprochen kollegial. Das gestaltet die Zusammenarbeit auch in stressigeren Phasen immer noch angenehm.

Du sprichst die stressigen Phasen an. Es gibt bekanntlich den Mythos der 80-Stunden-Woche für sog. Associates (also angestellte Anwälte) in einer Großkanzlei. Trifft er zu?

Der Mythos trifft nicht zu, aber die Arbeitszeiten können durchaus intensiv sein. Ich persönlich finde, dass man insbesondere am Anfang der Berufskarriere durchaus auch ein bisschen mehr Zeit in den Job investieren kann. 80 Stunden (jedenfalls im Durchschnitt) pro Woche sind aber sicherlich deutlich zu hoch gegriffen. Wo sich die durchschnittliche Arbeitszeit genau einpendelt, ist schwer zu sagen. Letztlich muss jeder für sich entscheiden, ob ein arbeitsintensiver Job für einen selbst das Richtige ist, gerade wenn man viel Wert auf Freunde, Familie und Freizeit legt.

Könntest Du uns kurz beschreiben, wo Deine Tätigkeitsschwerpunkte liegen?

Bei Hengeler Mueller ist man als Anwalt immer zwei verschiedenen Partnern zugeordnet. Oft hat man diese Zuordnungen im selben Fachbereich, was bei uns klassischerweise das Gesellschaftsrecht sowie M&A – also „mergers and aquisitions“ – ist. Ich war in den ersten drei Jahren meiner Tätigkeit bei Hengeler Mueller mit einer Zuordnung in genau diesem Bereich tätig. Meine zweite Zuordnung lag im Bereich Dispute Resolution, d.h. im Prozess- und Schiedsverfahrensrecht.

Wieso "lag"? Hat sich das geändert?

Ja, die Zuordnungen ändern sich bei allen Kollegen in regelmäßigen Abständen. Das wird hier "Rotationsprinzip" genannt. Nach anderthalb Jahren werden die jeweiligen Partnerzuordnungen gewechselt. Je nach Absprache kann es sein, dass man mit dem Wechsel der Zuordnung auch den Fachbereich wechselt. Ich bin nun beispielsweise seit etwa einem halben Jahr ausschließlich, d.h. mit meinen beiden Partnerzuordnungen, im Bereich Dispute Resolution tätig.

Für viele Jurastudenten gilt die Tätigkeit in einer Großkanzlei oft als schwer erreichbares Ziel. Voraussetzungen wie zwei Prädikatsexamina, Promotion, am besten noch ein LL.M. an einer renommierten Universität müssen sein. Sind solche Voraussetzungen tatsächlich zwingend?

Aus meiner Sicht sind diese Voraussetzungen nicht zwingend, zumindest nicht in jeder Großkanzlei.

Ist also die Anforderung in den meisten Kanzleianzeigen eines Doppelt-Prädikats eine reine Fassade?

Von einer reinen Fassade würde ich auch nicht sprechen. Es gibt sicher Kanzleien, die das Doppelt-Prädikat sehr ernst nehmen und keine oder kaum Ausnahmen machen. Ich kann das aber insbesondere für andere Kanzleien nur schlecht beurteilen. Viele Kanzleien dürften sich jedoch der Realität stellen müssen, dass man einfach nicht die gewünschte Anzahl an Mitarbeitern einstellen kann, wenn man die formalen Anforderungen zu hoch ansetzt. Ich meine jedenfalls, dass es inzwischen auch Großkanzleien gibt, die bei ihren Stellenanzei¬gen nicht mehr strikt "zweimal 9" fordern. Manche sagen, in der Summe müssen es 18 Punkte sein. Andere sprechen von "überdurchschnittlichen Examina". Ich persönlich finde das gut. Ein blindes Festhalten an zwei Prädikatsexamina als Einstellungsvoraussetzung scheint mir wenig überzeugend. Die Noten in den Staatsexamina bleiben freilich zentrale Einstellungsvoraussetzungen. Man sollte sie aber nicht überbewerten. Am Ende muss bei einem Bewerber sicher das Gesamtpaket stimmen.

Was gehört zu diesem Gesamtpaket? Meint das Promotion und LL.M.?

Nein, damit sind – neben den Noten – jedenfalls nicht nur Dr. und LL.M. gemeint. Viele Dinge machen einen Bewerber bzw. eine Bewerbung interessant für die Großkanzlei. Mit Blick auf fachliche Kriterien kann beispielsweise darauf geschaut werden, ob ein Bewerber schon mal im Ausland war, ob gute Englischkenntnisse nachgewiesen werden können, ob sich aus den Unterlagen ein besonderes fachliches Engagement ergibt (Tätigkeit als HiWi oder Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Moot Courts, Elsa, Fachschaft o.ä.) oder ob ein Bewerber etwa bereits Veröffentlichungen vorweisen kann.

Und in persönlicher Hinsicht?

In persönlicher Hinsicht kann eine Bewerbung interessant sein, wenn sie etwas Außergewöhnliches über den Bewerber erzählt. Das können sportliche, musische oder sonstige Leistungen sein. Wer beispielsweise intensiv und erfolgreich einen Mannschaftssport betreibt, zeigt damit Leistungsbereitschaft, Ehrgeiz und Teamfähigkeit. Aber auch ein außergewöhnliches Hobby kann einen Bewerber interessant machen.

Wie kann man eine Großkanzlei am besten davon überzeugen, dass man das Gesamtpaket mitbringt?

Jeder Bewerber kann und sollte natürlich versuchen, Interessantes und Außergewöhnliches über ihn in seinem Lebenslauf auch zu erwähnen. Mit der schriftlichen Bewerbung geht es ja meistens los. Sie schafft den ersten Eindruck.
Vieles werden Kanzleien über einen Bewerber (bzw. einen möglichen künftigen Associate) aber erst beim sogenannten "training on the job" erfahren, d.h. bei der täglichen Mandats-Zusammenarbeit. Ich denke, dass es für die Kanzleien deswegen auch so wichtig ist, mögliche Bewerber in Praktika, Nebentätigkeiten oder im Referendariat kennenzulernen. Da bekommt man ein sehr gutes Bild, ob es bei der Zusammenarbeit sowohl fachlich als auch menschlich passt. Die Mehrzahl meiner Anwaltskollegen bei Hengeler Mueller war bspw. zuvor schon als Referendar, Wissenschaftlicher Mitarbeiter oder Praktikant bei Hengeler Mueller tätig.

Bietet Hengeler Mueller Praktikumsstellen für Studenten an?

Ja, es gibt zwei fixe Praktikumstermine pro Jahr. Im Frühjahr und im Sommer, jeweils in den Semesterferien für vier bzw. sechs Wochen.

Wie läuft das Praktikum ab?

Die Praktikanten sind in ein feststehendes Programm integriert, was sich über die Jahre entwickelt hat und immer optimiert wurde. Die Praktikanten werden intensiv von den Anwälten betreut. Es gibt Veranstaltungen fachlicher Art, aber auch Freizeitaktivitäten. Jeder Praktikant hat zwei Tutoren, also zwei Anwälte, die für ihn zuständig sind.

Das klingt nach intensiver Einbindung...

Absolut. Es gibt zudem eine umfassende Fallstudie, die die Praktikanten mit erfahrenen Anwälten zusammen durchspielen und besprechen, einen sog. „M&A“-Deal, damit man einen möglichst realistischen Eindruck in die Tätigkeit eines Wirtschaftsanwalts bekommt. Die Bewerbungsinformationen sind aber alle einsehbar auf der Kanzlei-Homepage. Auch die Kontaktadressen sind dort angegeben. Ich kann nur jeden animieren, vor allem die StudZR-Redakteure und Leser, sich zu bewerben.

 

Themenkomplex 4: Gründung der StudZR

 

Was hat Dich zu der Entscheidung bewogen, vor nunmehr 10 Jahren die StudZR zu gründen?

Das ist damals recht zufällig entstanden. Ich hatte wegen meiner Tätigkeit als HiWi für Frau Prof. Dr. Kokott schon relativ früh Zugang zum Max-Planck-Institut für Völker- und Europarecht in Heidelberg. Im Rahmen einer Recherchetätigkeit hatte ich gesehen, dass in amerikanischen Law Journals regelmäßig wissenschaftliche Beiträge, sogenannte "Notes", von Studierenden veröffentlicht werden. Zudem sah ich auf der "Editors"-Seite der Journals, dass die Studierenden diese Journals sogar leiten.

Und das gab es in Deutschland damals nicht?

Nein, das gab es in dieser Form nicht. Ich habe mich dann zusammen mit meinen damaligen Mitstreitern ein bisschen kundig gemacht. In der JuS hatte ich gesehen, dass vereinzelt studentische Beiträge veröffentlicht wurden. Das waren dann aber in der Regel didaktische, also keine wissenschaftlichen Beiträge. Die Leitung der deutschen Fachzeitschriften war freilich erst recht nicht in der Hand von Studierenden. Der deutsche Markt für juristische Fachzeitschriften war also mit dem der USA nicht vergleichbar. Wir haben uns dann die Frage gestellt, ob man eine Fachzeitschrift nach dem Vorbild der amerikanischen Law Journals nicht auch in Deutschland betreiben könnte.

Diese Frage habt Ihr dann seinerzeit ganz offensichtlich bejaht. Waren (und sind) aber die Rahmenbedingungen für eine von Studierenden geleitete Fachzeitschrift in Deutschland nicht ganz anders als in den USA?

Das stimmt sicher, die Gegebenheiten sind in Deutschland anders. Bei uns sind die Studierenden zu Beginn des Jurastudiums in der Regel 18 oder 19 Jahre alt. Sie kommen direkt aus der Schule. In den USA sind die Studenten an den Law Schools teilweise schon durchaus etablierte Wissenschaftler. Die Chefredakteure des Yale Law Journals sind beispielsweise im Schnitt sicher um die 30 Jahre halt. Sie haben oftmals schon mehrere Auslandsjahre hinter sich, haben nicht selten intensiv wissenschaftlich gearbeitet und bereits in anderen Fächern einen Ph.D. erworben. Das kann man natürlich nicht ganz mit einem Jurastudenten in Deutschland im vierten Semester vergleichen, der gerade seinen Strafrechtsschein absolviert.

Das hat Euch trotzdem nicht von der Gründung der StudZR abgehalten...

Richtig, die unterschiedlichen Rahmenbedingungen waren für uns nichts, das gegen die Durchführbarkeit des Projekts StudZR gesprochen hätte. Wir mussten das Konzept der Zeitschrift eben den unterschiedlichen Systemgegebenheiten anpassen. Zentrales Element war dabei, die wissenschaftliche Verantwortung für die StudZR nicht nur auf die studentische Redaktion, sondern insbesondere auch auf einen wissenschaftlichen Beirat zu übertragen.

Die Gründung einer Fachzeitschrift gelingt sicher nicht innerhalb von ein paar Tagen. Wie müssen wir uns die ersten Schritte der Gründung der StudZR vorstellen?

Zunächst haben wir uns nur im Gründerkreis lange Gedanken über Konzept und inhaltliche Ausrichtung der Zeitschrift gemacht. Dafür haben wir uns mehrere Monate Zeit genommen. Dann haben wir Mitglieder des Lehrkörpers in Heidelberg kontaktiert, zu denen wir bereits einen Bezug hatten. Mein erster Ansprechpartner war damals Prof. Dr. Brugger. Er war eine prägende Figur für die StudZR. Ihn hat das Projekt sofort gereizt. Seine Unterstützung war für den Erfolg der StudZR von großer Bedeutung. In der Folge konnten wir weitere Professoren und wissenschaftliche Assistenten oder Mitarbeiter für das Projekt gewinnen. Schließlich sprachen wir auch mit dem damaligen Dekan der Heidelberger Juristenfakultät, Prof. Dr. Müller-Graff. Er sagte uns die Unterstützung der Fakultät zu. Insgesamt war die Gründung der StudZR ein Prozess von etwa einem Jahr. Ende 2003 hatten wir mit unseren Überlegungen begonnen und im Herbst 2004 erschien dann die erste Ausgabe.

Du hast bereits zu studentischen Zeiten veröffentlicht und die StudZR ist ja auch ein Forum für studentische Autoren. Warum kannst du es jemanden empfehlen, auch neben dem Studium zu veröffentlichen?

Die Grundidee der StudZR war es damals, bereits verfasste Seminararbeiten als Grundlage für die studentischen Veröffentlichungen zu nehmen. In der Regel waren das Seminararbeiten, die mit der Note ,,sehr gut“ bewertet wurden oder die der seminarleitende Professor jedenfalls für besonders veröffentlichungswürdig hielt. Wenn man bereits vorhandene Seminararbeiten als Basis für die Publikation nimmt, hat das den Vorteil, dass sich der zusätzliche Aufwand für die Veröffentlichung in Grenzen hält. Außerdem ist dann auch eine gewisse Grundqualität der Beiträge gesichert. Die Seminararbeit sollte aber immer nur die Grundlage sein. Auf dieser Grundlage sollten, so die Idee, der seminarleitende Professor und der studentische Autor in den wissenschaftlichen Austausch treten und versuchen, die Arbeit für Zwecke der Veröffentlichung nochmals zu optimieren. Diesen Austausch mit den Professoren zu suchen und auf eine Publikation der eigenen Seminararbeit hinzuwirken, kann ich jedem empfehlen.

Auch ein solcher wissenschaftlicher Austausch – gerade in Anbetracht dessen, dass es eine Zusatzbelastung zum Studium ist – scheint immer noch viel Zeit in Anspruch zu nehmen...

Das mag stimmen. Man muss sich einfach überlegen, wie viel Zeit man ins Studium stecken möchte. Aus meiner Sicht gibt es da kein richtig oder falsch. Das Studium ist sicher nicht das Wichtigste im Leben. Aber natürlich sind gerade im Jurastudium die Anforderungen streng. Wenn man mit seinen im Studium erbrachten Leistungen eine gewisse Hürde nimmt, kann man oft zwischen vielen interessanten Job-Alternativen wählen. Wenn man allerdings deutlich an dieser Hürde scheitert, dann hat man fast ein Problem, überhaupt einen Job zu finden. Schon allein aus diesem Grund lohnt es meines Erachtens, Zeit und Ehrgeiz in das eigene Studium zu investieren. Das ist aber eine Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss.

Zum Schluss wollen wir noch Eines wissen: Was kannst du den Heidelberger Studenten und speziell der StudZR mit auf den Weg geben?

Es wäre toll, wenn die StudZR auch von den künftigen studentischen Generationen getragen und mit Leben gefüllt werden würde. Jede Redaktionsgeneration hat bislang zu dem beigetragen, was die StudZR heute ist. Die heutige Redaktion ermutige ich daher, sich auch über die Zukunft der StudZR Gedanken zu machen und stets zu versuchen, sich kreativ und initiativ in das Projekt einzubringen und die StudZR dadurch mit zu prägen.

Und Dein Rat an die Studierenden?

Wer nicht nur "Dienst nach Vorschrift" machen will, sollte versuchen, sich seine eigenen Projekte und seinen individuellen Bezug zum Studium aufzubauen. Ich denke, dass das Studium mit einem solchen Bezug mehr Spaß macht. Ein internationaler Moot Court ist zum Beispiel eine Möglichkeit, wie eine solche individuelle Gestaltung des Studiums aussehen könnte. Wenn man die Bereitschaft mitbringt, eine gewisse Zeit zu investieren, dann ist man dort gut aufgehoben. Ich selbst habe während des Studiums an zwei internationalen Moot Courts teilgenommen. Heute coache ich das Heidelberger Team für den Vis Arbitration Moot Court als Anwalts-Coach mit. Man lernt in Moot Courts, präzise und intensiv an einem Fall zu arbeiten – viel intensiver als bei einer Hausarbeit. Hinzu kommt, dass man hervorragende Englisch-Kenntnisse erwirbt und das im späteren Beruf wichtige Präsentieren erlernt. Auch in Sachen Teamwork nimmt man aus einem Moot Court viel mit. Der Moot Court ist aber natürlich nur ein Beispiel. Die individuelle Gestaltung des Studiums, wenn man sie überhaupt will, kann in viele Richtungen gehen. Die Richtung kann und sollte jeder nach Gusto selbst bestimmen.

 

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