Erfahrungsbericht zur University of San Diego Summer Law School Florenz

Rechtswissenschaftliches Studium in internationaler Atmosphäre:
Die University of San Diego Summer Law School in Florenz

 

Vorbemerkungen

Die Globalisierung hat die Welt verändert: Sie stellt die Akteure in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft vor neue Herausforderungen. Auch an das Studium der Rechtswissenschaft müssen neue Anforderungen gestellt werden. Es gilt, die deutsche Rechtsordnung nicht mehr nur auf nationaler Ebene, sondern auch ihren Stellenwert innerhalb Europas und der Welt und ihre Beziehungen zu anderen Rechtsordnungen zu begreifen. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, sich mit alternativen Konzepten zur Lösung von Rechtsproblemen zu beschäftigen. Die Summer Law School der University of San Diego in Florenz bietet eine Möglichkeit, genau dies zu tun: In einem internationalen Umfeld werden den Studenten juristische Konzepte sowohl in Form von abstrakten Problemstellungen als auch in ihrer konkreten Umsetzung auf multinationaler Ebene nähergebracht. Nach für die USA typischer Manier werden die Themen in der Vorlesung nicht erst vermittelt, sondern von den Studenten kritisch diskutiert, was zu intensivem eigenständigen Nachdenken anregt (insbesondere über die eigene Rechtsordnung) und den Stoff sehr lebendig werden lässt.

International Negotiations

Die Vorlesungen fanden vormittags von 9:00h bis 10: 30h beziehungsweise von 10: 45 bis 12:00h und 13:00 bis 14:00h statt. International Negotiations war die erste Vorlesung. In dieser Vorlesung lernten wir verschiedene Verhandlungsstrategien kennen, die kulturelle Unterschiede zwischen den Parteien besonders berücksichtigen. Die Basis für den Unterricht bildeten zwei Bücher zu diesem Thema von US-amerikanischen Autoren. Auffallend war die außerordentlich praxisbezogene Darstellung des Stoffs, die einen starken Kontrast zu den deutschen, meist theoretischen Lehrbüchern bildete. Zunächst erarbeiteten wir anhand dieser Bücher die grundlegenden allgemeinen Prinzipien von Vertragsverhandlungen und außergerichtlicher Streitbeilegung. Die am Vortag selbstständig erarbeiteten Themen wurden während der Vorlesung rekapituliert und unter Leitung des Professors unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet. In vielen praktischen Simulationen konnten wir die Theorien selbst auf ihre Tauglichkeit überprüfen und so die Probleme der jeweiligen Ansätze erleben. Ein weiterer Schwerpunkt der Vorlesung waren die vielschichtigen Zusammenhänge von kulturellem Hintergrund und Verhandlungsmethode. Besonders interessant wurde dieser Aspekt dadurch, dass wir Studenten aus vielen verschiedenen Ländern kamen, u.a. aus den USA, Kanada, Mexiko, Russland, Dänemark und den Philippinen. So konnten wir die in den Materialien beschriebenen Unterschiede in den Rollenspielen selbst erleben und über unsere eigene Kultur reflektieren. Schließlich ist der Stil des Dozenten, Prof. L. Fromm (Indiana University) positiv hervorzuheben: Durch offene Fragen und konkrete Hypothesen ermöglichte er uns, die wesentlichen Aspekte der Themen zuerkennen. Gleichzeitig schaffte er eine kommunikative und entspannte Atmosphäre. Seine vielen, auf jahrelanger Erfahrung beruhenden Tipps konnte ich nicht nur in den Simulationen, sondern auch im Alltag bereits vielfach erfolgreich anwenden. Das abschließende Examen setzte sich aus einer praktischen Verhandlung – eine Simulation mit vier Parteien unterschiedlicher kultureller Herkunft und mit gegensätzlichen Interessen – und einem theoretischen Teil zusammen, indem ausführlich über die Inhalte des Kurses und seinen Nutzen reflektiert werden sollte.

Comparative Civil Liberties

In Comparative Civil Liberties ging es – wie der Name schon sagt – um Grundrechtsvergleiche. Da nur vier Wochen zur Verfügung standen beschränkten wir uns auf unterschiedliche Aspekte der Meinungs-, Versammlungs- und Religionsfreiheit. Diese besprachen wir dann aber umso intensiver. Dies erforderte natürlich eine sorgfältige Vorbereitung der Themen. Jeden Tag waren mehrere Urteile verschiedener höchster nationaler oder internationaler Gerichte durchzuarbeiten, was natürlich einige Zeit in Anspruch nahm. Diese Mühen waren den Aufwand aber immer wert. Bis ins kleinste Detail wurden die Entscheidungen analysiert und im Anschluss im internationalen Vergleich bewertet. Sehr oft traten die völlig unterschiedlichen Bedeutungen der Grundrechte in Ländern wie den USA einerseits und Deutschland, Kanada oder dem EGMR andererseits zutage, wobei letztere die Freiheiten tendenziell mehr einzuschränken schienen. Noch extremer in diese Richtung gingen Entscheidungen von manchen asiatischen und osteuropäischen Gerichten. Der internationale Vergleich ermöglichte eine sehr intensive Reflexion der eigenen Position. Da es gerade um Grundrechte ging, zeigten sich auch die Schwierigkeiten und Mängel der Dogmatik Grundrechte in den nationalen Rechtsordnungen. In diesem Kurs waren die meisten Studenten US-Amerikaner, daneben jeweils eine Studentin aus dem Quebec und Deutschland. Dadurch kam es häufig zu sehr grundsätzlichen, mit Nachdruck geführten Debatten zwischen den Vertretern der verschiedenen Rechtsordnungen. New York Times v. Sullivan (USA) einerseits und die Mephisto-Entscheidung (Deutschland) andererseits sowie die „Skokie“-Entscheidungen (USA) im Gegensatz zu R. v. Keegstra (Kanada) sind nur zwei Beispiele. Prof. Hay (Harvard), der als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Supreme Court Justice Scalia an einigen Urteilen selbst mitgearbeitet hatte, befeuerte die Debatte zusätzlich dadurch, dass er jegliches Statement durch eine Reihe von Fragen konsequent logisch zu widerlegen versuchte, was ihm natürlich nicht selten hervorragend gelang. Die daraus resultierende Ratlosigkeit, wie zu entscheiden ist, bestärkte uns noch mehr bei der eigenständigen Suche nach einer folgerichtigen Lösungen für die Probleme. Dadurch entwickelten wir ein größeres Verständnis für die Positionen fremder Rechtsordnungen und lernten, die eigene Dogmatik systematisch zu hinterfragen. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass es „die“ richtige Lösung wohl nicht gibt. Das abschließende Examen war „open book“, alle Materialien konnten somit verwendet werden. Wie zuvor angekündigt, musste zunächst ein hypothetischer Fall nach amerikanischem Recht gelöst werden. Dann mussten zur Meinungs- und Religionsfreiheit jeweils zwei Fälle nichtamerikanischer Gerichte mit dem Ansatz des US Supreme Courts verglichen werden. Abschließend sollten zwei Urteile des EGMR analysiert und im Vergleich mit mehreren anderen Rechtsordnungen bewertet werden.

Italienisch

Am Nachmittag wurde freiwilliger Italienischunterricht angeboten. Im Anfängerkurs führte uns Herr Massimo Avuri, ein äußerst freundlicher und unterhaltsamer Florentiner, in die italienische Sprache ein. Durch seine direkte und unterstützende Art ermutigte er uns immer, aktiv am Unterricht teilzunehmen. Fehler zu machen war ausdrücklich erlaubt. Durch seine unterhaltsame Art vermittelte er einen großen Spaß am Italienisch lernen. Hinzu kommt, dass Massimo immer mit sehr viel Leidenschaft bei der Sache war – insbesondere, wenn es um die Italienische Küche ging. Merklich ging es ihm nicht nur darum, Grammatik-Kenntnisse zu vermitteln, sondern uns auch die italienische Kultur näher zu bringen. In einer so angenehmen Lernatmosphäre fiel es uns leicht, motiviert zu bleiben und spürbare Fortschritte zu machen. Außerdem gab Massimo viele nützliche Hinweise und praktische Tipps zum Leben in Florenz und Italien.

Freizeit

Florenz bietet eine Vielzahl von Freizeitangeboten. Zu nennen sind zunächst die zahlreichen hervorragend bestückten Museen mit weltberühmten Werken von Michelangelo, Leonardo da Vinci, Botticelli, Caravaggio und vielen anderen. Daneben gibt es mehrere sehr hübsche Kirchen und Villen sowie einige Gärten, die durchaus sehenswert sind. Insbesondere in der touristischen Altstadt sind die Spuren der Renaissance deutlich sichtbar. Spaziergänge am Arno entlang, über die Ponte Vecchio in die Altstadt bieten sich besonders zum Zeitvertreib an. Viele kleinere und größere Plätze, vernetzt durch eine Vielzahl enger Sträßchen, vervollständigen das Stadtbild von Florenz. Während des Programms haben wir mehrmals gemeinsame Besichtigungen durchgeführt, manchmal auch im Beisein der Professoren. Zu nennen ist etwa ein Ausflug nach Siena, zu einer Weinprobe nach San Gimignano oder zum Gerichtshof, wo die Fälle mit Bezug zur Mafia verhandelt werden. Zweimal gab es auch während des Mittagessens Vorträge von Praktikern zu anwaltlichen Tätigkeit in den USA und in Italien. Schließlich hatten wir Gelegenheit, uns an weiteren Ausflügen in die nähere Umgebung – etwa San Luca oder Cinque Terre – oder in andere Teile Italiens zu beteiligen. Natürlich bedeuten die Ausflüge immer zusätzliche Kosten, sie sind dafür aber auch ein einmaliges Erlebnis.

Wohnen

Über die University of San Diego wurde den Studenten eine englischsprachige Maklerin vermittelt, über die Zimmer in Apartments gemietet werden konnten. Ich persönlich wohnte ich einem schönen Apartment in der Via die Cerchi 8, mitten in der Altstadt, zwischen dem Dom und den Uffizien. Ich teilte mir das Zimmer mit Christian aus Kopenhagen. In dem geräumigen Apartment mit zwei Bädern, zwei Esszimmern, einer Küche und einem Wohnzimmer wohnten außerdem Michael und Tyler, sowie zwei Studenten von der University of San Diego. Die Wohnung war ordentlich und mit 400 € p.P. insgesamt inklusive Internetanschluss auch verhältnismäßig günstig. In dem Haus wohnten noch weitere Teilnehmer der Summer Law School, was sehr angenehm war, denn so kamen wir schnell miteinander in Kontakt. Auch Christian, Michael und Tyler waren sehr offen und freundlich. Es war ein besonderes Erlebnis, die kulturellen Unterschiede auch im Alltag zu Hause – und nicht nur in den juristischen Diskussionen in den Kursen – zu erleben und zu diskutieren. Dies trifft natürlich nicht nur auf meine Mitbewohner zu, sondern gilt auch für die zahlreichen Gespräche mit den übrigen Teilnehmern an dem Programm.

Fazit

Die San Diego Summer Law School in Florenz ist in vielerlei Hinsicht einmalig: In einer der schönsten Städte Italiens gibt sie Gelegenheit, in die italienische Geschichte und Kultur persönlich zu erleben. Die internationale Atmosphäre der Summer Law School bietet eine einmalige Möglichkeit, sich von der eigenen Rechtsordnung zu distanzieren, ihre Dogmatik kritisch zu erörtern und im Vergleich zu Ansätzen fremder Rechtsordnungen zu bewerten. Dadurch werden die Unterschiede und die Relativität der eigenen Dogmatik ins Zentrum des Bewusstseins gerückt. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Kulturen ermöglicht, die Unterschiede richtig zu bewerten, mit ihnen umzugehen und Differenzen zu überbrücken. Schließlich bietet der Unterricht nach dem US-amerikanischen Modell eine Möglichkeit, die Vorlesung aktiv mitzugestalten, sich direkter Kritik zu stellen und so den eigenen Standpunkt auch in der mündlichen Diskussion besser zu reflektieren, zu hinterfragen und zu verteidigen. Diese Erfahrungen machen die Teilnahme an der University of San Diego Summer Law School in Florenz 2012 zu einem der schönsten Erlebnisse meines Lebens.

 

- Robin Azinovic

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