Erfahrungsbericht zum 20th Vis Moot

Was ist der Willem C. Vis Moot? - Heidelberger Promo-Video 2014

6 Jurastudenten aus Heidelberg, Veranstaltungen in 7 Städten Europas, 290 Teams aus aller Welt, 1 unvergessliches Semester. Das war für uns der 20th Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot.

Die Vorbereitung

An einem sonnigen Nachmittag Ende Juli trafen wir, eine bunte Mischung aus Dritt- und Fünftsemestern, am Fuße des Philosophenwegs zum ersten gemeinsamen Treffen mit unserem zukünftigen Coach zusammen.

Der entspannte Spaziergang bot eine gute Gelegenheit, seine frisch gebackenen Mitstreiter, mit denen man nun das nächste halbe Jahr verbringen würde, kennenzulernen und gemeinsam bei der anschließenden Apfelschorle erste organisatorische Details zu besprechen. Schnell stellten wir fest, dass wir uns alle sehr gut verstanden, was die fast tägliche, intensive Zusammenarbeit in der Schriftsatzphase ungemein erleichtern und auch für viele lustige Momente sorgen sollte.

Doch bevor es so weit war, machten wir uns im Rahmen mehrerer Workshops mit Hilfe unserer Coaches und einschlägiger Literatur mit dem UN-Kaufrecht und der Schiedsgerichtsbarkeit vertraut. So bekamen wir eine ungefähre Vorstellung davon, was uns im Wintersemester fachlich erwartete. Außerdem richteten wir mit allerlei Büchern und Arbeitsplakaten unseren Moot-Raum ein, der uns für den Wettbewerb zur Verfügung gestellt wurde und ab Oktober auch täglich von uns in Beschlag genommen werden sollte.

Die Schriftsätze

Am 5. Oktober 2012 hielten wir schließlich zum ersten, aber gewiss nicht letzten Mal die Fallakte des 20. Vis Moots in unseren Händen. Um dieses Dokument würde sich unsere ganze Arbeit das nächste halbe Jahr drehen. Durch eine umgehende Lektüre machten wir uns mit dem Fall vertraut und versuchten gemeinsam, uns in die Position des ersten Mandanten hineinzuversetzen. Für diesen sollten wir bis Anfang Dezember einen Klägerschriftsatz erstellen.

Im Schwerpunkt befasste sich der diesjährige Sachverhalt prozessual mit der Abwesenheit eines wichtigen Zeugen und materiell mit Kinderarbeit in der Textilbranche. Die daraus entstehenden vielseitigen und höchst praxisrelevanten Fragen bargen nun die Herausforderung, unseren fiktiven Mandanten nicht nur in seinen starken, sondern auch in den für ihn ungünstigen Punkten überzeugend zu vertreten. Bei dieser anspruchsvollen Aufgabe standen uns jederzeit unsere Coaches und viele weitere Institutsmitarbeiter mit Rat und Tat zur Seite. So verbrachten wir sehr viele Stunden in zuweilen hitzigem Diskurs, in dem immer neue Argumente gefunden und wieder verworfen, Schriftsatzentwürfe an Ex-Teilnehmer und Anwälte geschickt und ihre korrigierte Version besprochen wurden. Doch nur so wurden wir alle Zeugen eines stetig besser werdenden Schriftsatzes, in dessen Entstehungsprozess wir auch viel über uns selbst und Teamarbeit lernten.

Eine wichtige Frage, die uns als Teilnehmer eines sehr arbeitsintensiven Moot Courts wie dem Vis Moot von unseren Kommilitonen oft gestellt wurde, war, wie sich das normale Studium daneben vereinbaren ließ. Auch wenn es anfangs ziemlich ungewohnt war, verzichteten wir auf alle Vorlesungen außer der für das jeweilige Semester relevanten Übung. Diesen Entschluss haben wir auch nie bereut, da dies die einzige Möglichkeit war, sich voll und ganz auf den Moot konzentrieren zu können. Schließlich bestanden wir trotz sehr knapp bemessener Vorbereitungszeit in der Schriftsatzphase alle unsere Scheine und konnten uns wieder ganz der Arbeit im Moot-Raum widmen, ohne in dem Sinne ein Semester „verloren“ zu haben.

Dieser hohe Arbeitseinsatz machte es schließlich möglich, dass wir pünktlich am 6. Dezember ein ca. 60-seitiges Dokument einreichen konnten. Der Fertigstellung waren aber auch sehr nervenaufreibende letzte Stunden zusätzlich zu den bereits anstrengenden üblichen Arbeitstagen vorangegangen. Umso stolzer ließen wir gemeinsam um Mitternacht des Abgabetermins die Korken knallen und gönnten uns eine kleine wohlverdiente Auszeit.

Knapp eine Woche später nahmen wir einen Klägerschriftsatz aus Japan in Empfang, an dem das Moot-Team aus Hokkaido hart gearbeitet hatte. Nun war es an uns, die völlig konträre Verhandlungsposition des Beklagten einzunehmen und in knapp einem Monat eine Antwort auf Hokkaidos Schriftsatz zu formulieren. Auch wenn wir mit dem Fall mittlerweile selbstverständlich sehr vertraut waren, stießen wir immer wieder auf unerkannte Facetten, die sich nun als Argumente für den Beklagten in den Schriftsatz einbauen ließen. Außerdem konnten wir auf die bereits während des ersten Schriftsatzes gemachten Erfahrungen und Arbeitsprozesse zurückgreifen. Dennoch sahen wir uns gegen Ende des Jahres mit einem noch größeren Zeitdruck konfrontiert, da Weihnachten und Silvester vor der Tür standen und die Bearbeitungszeit für den Beklagtenschriftsatz generell kürzer angelegt war.

Doch am 17. Januar 2013 konnten wir endlich erleichtert aufatmen. Die Schriftsatzphase hatte mit dem Einreichen des zweiten Schriftsatzes ihr Ende gefunden, was nach einer wohlverdienten Verschnaufpause den Beginn der mündlichen Phase einläutete.

Die mündliche Phase

Nachdem wir die ersten Monate größtenteils im Dachzimmer des Instituts zugebracht hatten, begann nun die intensive Vorbereitung, um auch bei den Verhandlungen glänzen zu können.

Dafür suchten wir die stärksten und prägnantesten Argumente aus unseren Schriftsätzen für die ca. 15-minütigen mündlichen Vorträge zusammen. Da diese Art von juristischer Arbeit normalerweise nicht zum regulären deutschen Jurastudium gehört, fiel aller Anfang natürlich etwas schwer.

Doch durch die täglichen Übungs-Sessions untereinander gewannen wir schnell an Sicherheit und konnten uns souveräner den ständigen Unterbrechungen seitens unserer Coaches als Schiedsrichter stellen.

Schon bald hatten wir genügend Routine im Plädieren gegen das eigene Team gewonnen und sehnten uns nach neuen Herausforderungen. Deshalb fieberten wir alle nun den zahlreichen Veranstaltungen, bei denen wir auf Mooties aus ganz Deutschland und aller Welt treffen sollten, entgegen.

Den Anfang machten Probepleadings, die von Großkanzleien in Frankfurt und Stuttgart organisiert wurden. Dort und auch schließlich in der Frankfurter Advocacy School hatten wir viele Gelegenheiten, uns mit den anderen deutschen Teams und den Anwälten auszutauschen und einen Einblick in den Arbeitsalltag einer Kanzlei zu bekommen.

Ganz besonderes Highlight waren die internationalen sog. Pre-Moots. Wir entschieden uns dieses Jahr für Stockholm, Mailand, Berlin und Belgrad. Diese Pre-Moots unterschieden sich zwar schon durch den Austragungsort und der Auswahl der teilnehmenden Teams, aber sie alle boten neben den Übungsrunden auch jeweilige Vortragsreihen weltweit namhafter Juristen zu den diesjährig relevanten Problemstellungen. Ein nächtliches Rahmenprogramm war natürlich auch immer geplant. An diesen zahlreichen gemeinsamen Clubabenden lernten wir Mooties aus anderen Ländern kennen. Besonders schön war, dass man so bereits Freundschaften schließen und diese beim nächsten Pre-Moot und schließlich in Wien selbst ausbauen konnte. Doch auch das Sightseeing kam nicht zu kurz.

Mit jedem Pre-Moot konnten wir erfreuliche Fortschritte verzeichnen. Dessen ungeachtet wurden in täglicher Arbeit alte Argumente gestrichen, gegenseitiges Feedback gegeben und neue Taktiken ausprobiert – stets mit Blick auf das Finale in Wien, das immer näher rückte.

Davor sollte allerdings zum ersten Mal eine wichtige Veranstaltung in Heidelberg stattfinden.

Als Generalprobe für Wien hatten wir einen Tag vor der Abreise das Team der University of São Paulo und das Team aus Mannheim zu öffentlichen Probeverhandlungen im juristischen Seminar eingeladen und konnten so gleichzeitig Interessierten den Moot live näher bringen. Als Schiedsrichter hatten wir Anwälte, Institutsmitarbeiter, Ex-Mooties und Professoren begeistern können.

Nachdem unser Mini-Moot einen sehr gemütlichen Abschluss mit unseren Gästen in einem Heidelberger Restaurant gefunden hatte, packten wir schließlich unsere Koffer für die entscheidende Woche in Wien – das Ziel, auf das wir nun bereits ein halbes Jahr hingearbeitet hatten.

Für Wien hatten wir ein großes Apartment gemietet, in dem wir regelmäßig zusammen kochten und auch viel Zeit gemeinsam verbrachten. Die Räumlichkeiten nutzen wir aber auch, um mit unseren Coaches individuelle Trainingseinheiten durchzuführen und unseren Pleadings den letzten Feinschliff zu verpassen. Der Standort unseres Apartments erlaubte es uns außerdem, nicht nur die Schauplätze der Pleadings in der Innenstadt, sondern auch den Ostklub bequem zu erreichen. Der Ostklub ist schon seit Jahren der Dreh- und Angelpunkt, um jede Nacht neue und interessante Bekanntschaften mit anderen Teams zu schließen. Dort konnten wir uns auch ausgiebig von den anstrengenden Verhandlungen erholen.

In den sog. general rounds traten wir gegen Teams aus Russland, Japan, USA und Brasilien an. Wir waren überglücklich, als wir schließlich in der Wiener Messehalle als eines der besten 64 Teams verkündet wurden und uns somit für die sog. elimination rounds qualifiziert hatten. In diesen sehr spannenden K.O.-Runden trafen wir auf Luzern und Bocconi (Mailand), beides äußerst anspruchsvolle Gegner. So hatten wir es bis in die Round of 16 geschafft, als wir uns letztendlich gegen das Team der Monash University aus Australien geschlagen geben mussten, die es später ihrerseits bis ins Finale schafften. Damit war unsere Arbeit in Wien getan, so dass wir mit großem Stolz und den anderen Teams, die wir in unser Apartment eingeladen hatten, ausgiebig feierten und den Tag im Ostklub ausklingen ließen.

Schließlich versammelten sich alle Teams am nächsten Tag beim abschließenden Awards Banquet. An unserem Tisch brach zum letzten Mal großer Jubel aus, als wir erfuhren, dass wir jeweils eine sog. Honorable Mention für unseren Klägerschriftsatz und für Dominik als Sprecher mit nach Hause nehmen konnten. Nach zahlreichen Abschieden und den vielen guten Neuigkeiten im Gepäck kehrten wir schließlich nach Heidelberg zurück.

Was bleibt nun also nach diesem halben Jahr? Wir haben rechtlich dazugelernt, praxisnah in einer Weise gearbeitet, wie es das Studium sonst nur selten erlaubt und überdies eine Vielzahl neuer Menschen kennengelernt.

Und so können wir den Worten des Moot Gründers Eric Bergsten nur zustimmen: “The Moot is not a competition. It’s a learning experience”.

 

- Lennart Ulf Reber und Yoo-Jin Kim

  • Keine Kommentare gefunden
Melde Dich an um zu kommentieren
Powered by Komento
Free visitor tracking, live stats, counter, conversions for Joomla, Wordpress, Drupal, Magento and Prestashop