Isoliert im Big Apple?! - Die Heidelberger Delegation als Nordkorea bei National Model United Nations New York 2014

 

Ein Beitrag von Christian Steck

 

“And you actually chose the People´s Republic of Korea voluntarily?“ – Diese Frage mussten wir als Heidelberger Delegierte uns bei „National Model United Nations 2014“ (NMUN) häufiger anhören, denn viele andere Teilnehmer der weltgrößten UN-Simulation konnten es kaum glauben, dass man sich freiwillig für das wohl isolierteste Land der Erde entscheiden würde. Doch wir hatten genau dies ganz bewusst getan und bereuten die Entscheidung kein einziges Mal.

Nach monatelangen Vorbereitungen, über welche hier im Blog bereits berichtet wurde, ging es für das gesamte Team im April für zwei Wochen nach New York. In der ersten Woche stand das sogenannte „Study Program“ an. Zunächst besuchten wir dabei die ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei den Vereinten Nationen, wo uns Angestellte des Diplomatischen Dienstes über ihre tägliche Arbeit informierten. Zudem berichteten sie uns über Karrierewege als Diplomaten und erläuterten uns zudem Einstiegsmöglichkeiten zur Tätigkeit im Auswärtigen Amt. Besonders spannend war aber, dass der ein oder andere Mitarbeiter auch Anekdoten über die Nordkoreas echte Diplomaten zu erzählen hatte, und wir so eine noch realistischere Vorstellung des Auftretens des Kim´schen Reiches vor der Weltgemeinschaft erlangen konnten.
Als nächstes stand ein Besuch bei der Großkanzlei „Baker & McKenzie“ auf dem Programm, wo wir zu einem äußerst reichhaltigen „Corporate Breakfast“ eingeladen waren. Im Rahmen dieses morgendlichen Termins bestand die Möglichkeit, uns von zahlreichen Partnern und Associates aus diversen Tätigkeitsfeldern über ihre Arbeit informieren zu lassen und mit ihnen in Gespräch zu kommen. Erfreulich war, dass sich alle Rechtsanwälte für unser Wissen über das deutsche und europäische Recht sehr interessierten und uns so Möglichkeiten zur Rechtsvergleichung gaben.

Einen Wermutstropfen brachte die Vertretung der DPRK – wie die Volksrepublik unter Diplomaten zumeist abgekürzt wird – aber dennoch mit sich: Während die Heidelberger Teams der Vorjahre stets die Botschaften und Vertretungen „ihres“ Landes besucht hatten, reagierte die Vertretung Nordkoreas weder auf englischsprachige noch auf professionell ins Koreanisch übersetzte Anfragen unserseits im Vorfeld. Als Ausgleich betrachteten wir das Gebäude zumindest von außen und gingen anschließend Koreanisch essen.
Die in der ersten Woche abseits des Programms bestehende Freizeit nutzten viele von uns Heidelberger Delegierten zum klassischen Sightseeing in New York. Aufgrund der Länge unseres Aufenthalts konnten wir uns aber auch einen Eindruck vom New York abseits des touristischen Mainstreams verschaffen: So fuhren wir in die Stadtteile außerhalb Manhattans und erlebten Opernaufführungen in der weltbekannten „Metropolitan Opera“.

Nach einer finalen Teambesprechung begann dann die eigentliche Konferenz mit der feierlichen „Opening Ceremony“, bei welcher die enorme Internationalität von NMUN besonders hervorgehoben wurde: Schließlich saßen wir mit studentischen Delegationen aus allen fünf Kontinenten in einem Saal. Direkt im Anschluss starteten dann die „Comitee Sessions“, sodass sich unsere Heidelberger Delegierten bereits am ersten Abend auf die ihnen im Voraus zugewiesenen Komitees aufteilten.

Dabei, und während den darauffolgenden Tagen der Konferenz, galt es die besprochene Strategie in die Tat umzusetzen, denn natürlich ist es – um zurück auf die Eingangsfrage zu kommen – eine besondere Herausforderung ein solch „spezielles“ Land wie Nordkorea zu vertreten. Es war uns von Anfang an klar, dass wir das bei MUN-Simulationen vorherrschende Klischee der ständig abgeschotteten und wütenden DPRK-Diplomaten keinesfalls erfüllen wollten. Vielmehr würden wir uns grundsätzlich genauso offen und freundlich wie jedes andere Land zeigen. Und glücklicherweise ging diese Strategie auf, sodass wir wenige bis gar keine Ressentiments anderer Nationen zu spüren bekamen. Zugute kam uns dabei natürlich, dass sich bei einer solch großen Konferenz wie NMUN jede Nation im wahrsten Sinne des Wortes weltoffen zeigen muss, denn stabile Mehrheiten kann man nur organisieren, wenn man mit mehr als nur den engsten Verbündeten an einem Resolutionsentwurf, einem sogenannten „working paper“, arbeitet.

Diese Resolutionsentwürfe erstellt man im sogenannten „unmoderated caucus“. Dabei handelt es sich um diejenigen Teile der Komiteesitzungen, welche „informal“ stattfinden, also nicht vom „Chair“ des jeweiligen Komitees geleitet werden. Nachdem man einen solchen Resolutionsentwurf verfasst hat, gilt es, eine möglichst große Zahl an Unterstützern zu finden, die die Ideen mittragen und entsprechend für den Entwurf abstimmen wollen.
Demgegenüber steht der „moderated caucus“, bei welchem unter Leitung des Chairs die Rednerliste abgearbeitet wird. In rund zweiminütigen Reden hat dabei jede Delegation die Möglichkeit, ihre Ideen zum Thema der gesamten Staatengemeinschaft zu präsentieren und so auch über die eigene Arbeitsgruppe hinaus bleibende Eindrücke zu hinterlassen. Anstatt propagandistisch und populistisch präsentierten wir uns natürlich auch im Rahmen dieser Reden freundlich und sachlich gegenüber Anderen.

Nichtsdestotrotz hatten wir einen Spagat zu bewältigen, denn nebst guter Zusammenarbeit mit Anderen gilt bei NMUN auch die möglichst realitätsnahe Verkörperung des eigenen Landes als ein entscheidendes Bewertungskriterium. Wären wir als nordkoreanische Vertreter also dem Westen gegenüber stets handzahm geblieben, so hätte sich dies für uns ebenfalls negativ ausgewirkt. Deshalb galt es während der gesamten Konferenz einen ausgewogenen Mittelweg zwischen Offenheit gegenüber anders eingestellten Nationen und dezidierter inhaltlicher, aber stets diplomatisch formulierter, Kritik an den USA und ihren Verbündeten zu finden.

Dass wir diesen Spagat sehr erfolgreich meisterten, zeigte sich am letzten Tag der Konferenz, als auf dem Gelände der Vereinten Nationen die feierliche Abschlusszeremonie stattfand. Auch wenn wir aufgrund des Umbaus des eigentlichen Sitzungsaales in ein Nebengebäude ausweichen mussten, wird uns dieser Tag noch lange in bester Erinnerung bleiben, denn im Rahmen der Zeremonie erhielten wir zahlreiche Preise: So gewannen wir in vier unserer insgesamt sieben Komitees Individualauszeichnungen, was zuvor keiner Heidelberger Delegation gelungen war. Gekrönt wurde unser Erfolg dann noch durch die Auszeichnung für das gesamte Team als „Distinguished Delegation“, wodurch wir zahlreiche muttersprachliche und langjährig teilnehmende Teams hinter uns ließen. Auch die diesjährige NMUN-Konferenz war damit für Heidelberg erneut ein voller Erfolg und wir konnten somit unseren – auch aufgrund der Erfolge der Vorjahre – hohen Erwartungen vollumfänglich gerecht werden. Auch wenn jeder mit seinen eigenen Eindrücken und heimgereist ist und jeder etwas anderes als persönliches Highlight in Erinnerung behalten wird, steht eines für alle fest: Isoliert waren wir im Big Apple keinesfalls!

 

 

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