Das Heidelberg – Cambridge Jahresprogramm

 

 

Abstract

Haben Sie auch schon einmal überlegt, einen Teil Ihres Studiums im Ausland zu verbringen? Die Universität Heidelberg bietet ihren Studenten zahlreiche Möglichkeiten, genau dies für eine kürzere oder längere Zeit zu tun. Stellvertretend seien hier nur das Montpellier-Seminar, die University of San Diego Summer Law School oder das ERASMUS-Programm genannt. Daneben bietet das Heidelberg-Cambridge-Jahresprogramm jedes Jahr zwei Studentinnen oder Studenten die Gelegenheit, ein akademisches Jahr an der University of Cambridge in England zu studieren.

Das Programm

Das Heidelberg-Cambridge-Jahressprogramm beruht auf einem „Gentlemen’s Agreement“ zwischen der Universität Heidelberg und dem St. John’s College sowie dem St. Catherine’s College der University of Cambridge. Das Programm umfasst neben einem Studienplatz auch die Universitätsgebühren. Die Unterkunft in den Colleges muss gesondert bezahlt werden.

Die Colleges

Die University of Cambridge setzt sich aus sechs „Schools“ und 31 Colleges zusammen. Die „Schools“ bestehen ihrerseits aus mehreren Fakultäten und anderen Forschungseinrichtungen. Die Colleges sind das Zentrum des akademischen Lebens in Cambridge. Sie stellen nicht nur die Unterkunft für die Studenten, sondern verfügen auch über eigene Mensen, Bibliotheken und Computerräume. Daneben bieten die Colleges zahlreiche Sport- und Freizeitaktivitäten an. Ich selbst studiere seit Oktober am St. Catherine’s College. Es ist ein kleines College mit nur etwa 30 Juristen. So kann man sich schnell zurecht finden und Leute verschiedener Fachrichtungen kennen lernen. Das St. John’s College ist demgegenüber eines der größten – und wohlhabendsten – Colleges der Universität. Die Gebäude des Colleges zählen zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten in Cambridge.

Die Ankunft in Cambridge

Ein sehr eindrucksvolles Erlebnis ist die Immatrikulation zu Beginn des Studiums. Sie wird mit einem gemeinsamen Dinner von Dozenten und neu immatrikulierten Studenten im College gefeiert. Das feierliche Abendessen bietet eine Gelegenheit, die Dozenten des Colleges persönlich kennen zu lernen. Eine Besonderheit in Cambridge ist, dass man zu dem Dinner nicht nur einen Anzug, sondern auch sogenannte „gowns“ trägt. Das sind akademische Talare, die im Grunde wie schwarze Umhänge aussehen. Länge und Verzierung der gowns variieren je nach akademischem Grad des Trägers. Das Ganze verleiht der Veranstaltung eine Atmosphäre, die an J. K. Rowling’s „Harry Potter“ erinnert.

Auch darüber hinaus wird es den Studenten leicht gemacht, sich in Cambridge zurecht zu finden. In den ersten drei Tagen finden verschiedene Einführungsveranstaltungen statt. Neben Einführungsvorlesungen, Sektempfängen und organisierten Freizeitaktivitäten gibt es auch eine Messe, auf der sich sämtliche Clubs und Societies vorstellen.

Außerdem wird den Studenten eine ganze Reihe von Personen zur Seite gestellt: So hat in St. Catherine’s jeder Student sogenannte „college parents“, einen „subject representative“, einen „Tutor“ und einen „Director of Studies“. College parents und subject representative sind ältere Studenten, die alle möglichen praktischen oder fachspezifischen Fragen aus studentischer Sicht beantworten können. Tutor und Director of Studies sind Dozenten am College. Während der Tutor für sämtliche Probleme allgemeiner, finanzieller oder gesundheitlicher Natur zuständig ist, überwacht der Director of Studies die akademische Entwicklung des Studenten, die zu Beginn und am Ende jedes Trimesters in einem persönlichen Gespräch evaluiert wird. Was auch passiert, es gibt jemanden, der einem hilft.

Die Lehre

Die Lehre setzt sich aus zwei zentralen Elementen zusammen: Den Vorlesungen und den Supervisionen. Die Vorlesungen finden für alle Colleges zentral an der Fakultät statt. Im Grunde verlaufen die Vorlesungen in Cambridge ähnlich wie an deutschen Universitäten. Die Anzahl der Studenten ist ähnlich groß und das Phänomen, das deren Anzahl im Laufe des Jahres abnimmt gibt es hier auch. Es gibt aber auch Unterschiede. So ist es hier beispielsweise üblich, dass verschiedene Themen von unterschiedlichen Dozenten gehalten werden. So lernt man mehrere Dozenten, Meinungen und Vortragsstile kennen. Außerdem hat man so oft das Glück, einen Experten auf dem jeweiligen Gebiet zu hören. So habe ich beispielsweise die Geltung von Völkerrecht vor englischen Gerichten bei Dr. O’Keefe und die Anwendung von Gewalt bei Prof. Gray hören können – beide sind führend auf dem jeweiligen Gebiet. Der Umfang der Vorlesungen ist erheblich geringer als in Deutschland. Das gilt jedenfalls für „visiting students“, die in der Regel drei Fächer belegen. Ich habe – wie alle anderen Austauschstudenten auch – nur sechs Stunden Vorlesung die Woche. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Arbeitsaufwand hier mindestens genauso hoch ist wie in Deutschland. Das liegt zum einen daran, dass in allen drei Fächern am Ende des Jahres eine Prüfung geschrieben wird. Es ist also ratsam und auch üblich, sämtliche Vorlesungen sorgfältig vor- und nachzubereiten.

Zum anderen liegt es daran, dass man neben den Vorlesungen noch Supervisionen hat, die eine gesonderte und umfangreiche Vorbereitung erfordern. Eine Supervision ist ein einstündiges Gespräch zwischen einer Gruppe von zwei bis sechs Studenten und einem Dozenten des jeweiligen Fachs, das vierzehntägig stattfindet. In der Regel bekommt man eine Literaturliste, die vorher durchgearbeitet werden muss. Daneben bekommt man meistens einen Fragebogen, der sich auf die wichtigsten Elemente des Themas bezieht. Manchmal ist außerdem ein kurzer Essay anzufertigen. Die Literaturlisten können sehr umfangreich sein. Sie setzen sich aus Fällen, Lehrbüchern und Aufsätzen zusammen. So kommen häufig einige hundert Seiten zusammen.

Wie sich die Supervision genau gestaltet hängt vom jeweiligen Supervisor ab. In Rechtsphilosophie beispielsweise gibt es weder Fragebögen noch Essays. Prof. Kramer, mein Supervisor, stellt jedem Student eine Reihe von präzisen Fragen zu den Thesen des Autors, dessen Werk zu lesen war. Demgegenüber stellt Prof. Fentiman, mein Supervisor in Internationalem Privatrecht, die Fragen immer offen in die Runde. Außerdem orientiert sich die Supervision an einem Fragebogen. Die Supervisionen in Völkerrecht schließlich sind für mich die größte Herausforderung. Schon allein deshalb, weil wir nur zu zweit sind. Wir müssen uns also zu jedem Thema äußern. Eine weitere Schwierigkeit ist die Kombination aus sehr umfangreichen Literaturlisten und präzisen Fragen zu konkreten Aussagen in der Literatur. Daneben ist meistens ein zehnminütiger Vortrag für einen Mini-Moot-Court vorzubereiten, in dem wir gegeneinander antreten.

Die Fächer

Als „visiting student“ belegt man in der Regel drei Fächer. Dabei stehen die meisten der Fächer des Bachelor-Studienganges zu Auswahl; nur sehr wenige setzen bereits Kenntnisse des englischen Rechts voraus. Ob man „Torts“, Vertrags- oder Verfassungsrecht, das Recht am geistigen Eigentum oder Rechtsvergleichung wählt (um nur einige Beispiele zu nennen), hängt also ganz davon ab, ob man Common Law oder Europarecht, Privat-, Straf- oder Öffentliches Recht bevorzugt. Ich habe mich dafür entschieden, Rechtsphilosophie, Völkerrecht und Internationales Privatrecht zu belegen.

In Rechtsphilosophie wird ausschließlich modernde Rechtsphilosophie behandelt. Zentrale Fragen sind beispielsweise: Was ist Recht? Was ist Gerechtigkeit? Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Begriffen? Gibt es eine moralische Pflicht, sich an das Recht zu halten? Diese Fragen werden anhand zentraler Werke ausgewählter Rechtsphilosophen ausführlich behandelt. Im ersten Trimester haben wir Hart’s „The Concept of Law“ sowie Fuller’s „The Morality of Law“ besprochen und mit Dworkin’s „Law’s Empire“ begonnen. Im nächsten Trimester werden wir unter anderem Rawls’ „A Theory of Justice“ behandeln. Besonders spannend ist, dass unsere Dozenten (Dr. Simmonds und Prof. Allan) und mein Supervisor (Prof. Kramer) grundsätzlich gegenteiliger Ansicht sind. Die Tatsache, dass beide Seiten ihre Positionen (in Literatur, Vorlesung und Supervision) rigoros verteidigen, macht das recht abstrakte Fach sehr anschaulich und lebensnah.

Der besondere Reiz in Völkerrecht liegt für mich darin, dass es so viele aktuelle Vorgänge betrifft. Hier nur ein paar Beispiele von Themen, die ausführlich erarbeitet wurden: Gibt es eine rechtliche Grundlage für die Invasion des Irak 2003? War die Intervention in Libyen 2011 rechtmäßig? Gibt es eine völkerrechtliche Grundlage für eine Intervention in Syrien wenn Russland und China ihre Zustimmung im Sicherheitsrat verweigern? Waren die Aktionen Israels im Gaza-Streifen im vergangenen November rechtmäßig? Gibt es eine „Responsibility to Protect“?

Internationales Privatrecht ist aus einem anderen Grund sehr spannend: Durch die Verordnungen Brüssel I und II ist das Fach stark durch das Europarecht geprägt. Aufgrund des beschränkten Anwendungsbereichs ist das traditionelle englische Common Law aber weiterhin relevant. So ist ein unmittelbarer Vergleich des nationalen und des Europarechts möglich. Dabei werden fundamentale Unterschiede in der Methode, dem Inhalt und der Anwendung deutlich. Dadurch wird ein distanziertes und (aus englischer Perspektive) sehr kritisches Bild des Europarechts vermittelt, das – gerade in der Eurokrise – zum Nachdenken anregt.

Die Prüfungen

In Cambridge wird in jedem Fach eine dreistündige Jahresabschlussklausur geschrieben. Die Prüfungen finden etwa Ende Mai bis Anfang Juni statt. Der genaue Aufbau der Prüfungen ist von Fach zu Fach unterschiedlich. Meist gibt es zwischen sechs und zehn Aufgaben, von denen zwischen drei und fünf bearbeitet werden müssen. Zum Teil sind die Aufgaben mehr oder weniger abstrakte "Essay-Fragen", die - in etwa im Stile einer Seminararbeit - zur Analyse eines bestimmten Rechtsproblems einladen. Eine solche Frage kann zum Beispiel lauten: "English Law can be a source of international law and international law can be a source of English law. Discuss." Zum Teil sollen bestimmte Gerichtsentscheidungen kommentiert werden. Dieser Aufgabentyp heißt etwa: "The decisions in Konkola Copper Mines plc v Coromin Ltd (2006) and Ferrexpo AG v Gilson Investment Ltd (2012) display little understanding of the decision in Owusu v Jackson (2005), or the principles of underlying the European Jurisdiction regime. The EU Court of Justice is unlikely to endorse either decision. Discuss." Daneben gibt es aber (fast) immer auch hypothetische Fälle, die nach der aus Heidelberg bekannten Manier gelöst werden müssen. Es gibt auch so etwas ähnliches wie einen "Gutachten-Stil", den es grundsätzlich zu beachten gilt. Ein deutlicher Unterschied besteht hier aber insoweit, dass die Gesetzestexte weit weniger systematisch und ergiebig sind. Anstatt auf eine Kodifikation ist vornehmlich auf die auswendig gelernten Fälle zurückzugreifen, die für jede einzelne Behauptung der Rechtslage mit Parteien, Gericht und Jahr zitiert werden müssen. Auch einschlägige Aufsätze können zitiert werden.

Prüfungsstoff ist alles, was während des Jahres in den Vorlesungen und Supervisionen besprochen wurde. Durch die Auswahl unter mehreren Fragen können aber einzelne Aspekte ausgeklammert werden. Dabei ist jedoch Vorsicht geboten, da verschiedene Rechtsgebiete auch in einer Aufgabe verknüpft sein können (beispielsweise Menschrechte und Staatenimmunität). Außerdem muss man in vielen Fächern mindestens eine Aufgabe pro Aufgabentyp lösen, sodass die Wahlfreiheit weiter eingeschränkt ist.

Es liegt nahe, dass solche Klausuren eine intensive Vorbereitung erfordern. Deshalb finden im letzten Trimester, dem "Easter Term" Vorlesungen auch nur während der ersten 10 Tage statt. Die restlichen übrigen vier Wochen bis zu den Prüfungen sind vorlesungsfrei, um eine hinreichende Examensvorbereitung zu ermöglichen. Auch die außeruniversitären Aktivitäten werden in diesem Zeitraum auf ein Minimum begrenzt oder ganz eingestellt. Ehrgeizige Studenten beginnen natürlich viel früher mit der Prüfungsvorbereitung. Diese wird allerdings dadurch etwas erleichtert, dass man den Stoff aus den Supervisionen bereits kennt. Außerdem kann man in der Regel auf seine ausführlichen Notizen aus Supervisionen und Vorlesungen zurückgreifen kann. Abgesehen von der Notwendigkeit, hunderte Fälle auswendig zitieren zu können, wird man in Cambridge also vor dieselben Herausforderungen gestellt, die man aus der Heidelberger Klausurvorbereitung kennt.

Extracurricular Activities

Was Extracurricular Activities angeht gilt in Cambridge: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Das gilt zum einen für Sport. In einigen Sportarten haben sogar die einzelnen Colleges eigene Teams unterschiedlicher Niveaus. Zum anderen trifft das auf sonstige Freizeitangebote zu, die von sogenannten „Societies“ angeboten werden. Das Angebot reicht von Musik und Theater über soziale Arbeit mit Obdachlosen bis hin zu einer Magic-Society zum Thema Zaubertricks.

Besonders hervorzuheben sind sogenannte „Research Panels“, bei denen man sich allerdings gesondert bewerben muss. Das sind studentische Organisationen, die Informationen sammeln und Forschung betreiben, um dadurch Organisationen im Ausland bei Ihrer Arbeit zu unterstützen. So gibt es beispielsweise eine „Death Row Clinic“, die Anwälte in den USA dabei unterstützt, Mandanten zu verteidigen, die die Todesstrafe erhalten haben. Außerdem gibt es Gremien zur Bekämpfung des Menschenhandels und zum Thema Rechte von Gefängnisinsassen in Afrika.

Weiterhin ist die Cambridge Union Society erwähnenswert. Die Cambridge Union Society ist der lokale Debattierclub. Neben Workshops und Debatten, in denen man die freie Rede in Theorie und Praxis von hervorragenden Rednern lernen kann, gibt es jede Woche eine Debatte mit geladenen Gästen. In diesem Trimester waren das unter anderem mehrere Parlamentsabgeordnete, Diplomaten der Vereinten Nationen, Prinzessin Basma bint Saud bin Abdulaziz Al Saud von Saudi Arabien und der Botschafter der USA im Vereinigten Königreich.

Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von Karriere-Events. Fast wöchentlich gibt es Workshops, Vorträge oder Abendessen mit internationalen Kanzleien, die Gelegenheit bieten, die Arbeit in der „City“ kennen zu lernen.

Fazit

Ein Studium an der Universität Cambridge ermöglicht es, sich mit Rechtsgebieten zu beschäftigen, die nicht zum deutschen Pflichtprogramm gehören. Das Betreuungsverhältnis an der Universität erlaubt es, sich intensiver und ausführlicher mit einer Materie zu beschäftigen, als dies in Deutschland die Regel ist. Der Arbeits- und Organisationsaufwand ist entsprechend hoch. Auch jenseits des Studiums bietet ein Aufenthalt in Cambridge die Gelegenheit, eine tolle englische Stadt und neue Leute kennen zu lernen.

 

- Robin Azinovic

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