„Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“ – Zwischenbericht über ein Auslandssemester an der Universität Sankt Gallen

 

Erzählt man seinem Freundeskreis davon, dass man ein Auslandssemester in der Nordschweiz plant, so bekommt man nicht selten die leicht verächtlich klingende Rückfrage „Auslandssemester?“. Und in der Tat: Wer seit jeher von Fernweh geplagt ist und sich diesen sehnlichen Wunsch durch sein Auslandsstudium endlich erfüllen möchte, der sollte sich nicht unbedingt für ein Gaststudium an dieser Schweizer Hochschule entscheiden. Schließlich sieht man von der Dachterrasse der Uni über den Bodensee in sein Heimatland. Doch wer frei nach Goethe denkt „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“, der hat die Chance, in Sankt Gallen eine unvergessliche Zeit zu erleben. Dabei sei gesagt, dass für den Autor diese Zeit noch andauert, denn es ist gerade einmal die erste Hälfte meines Auslandssemesters vorbei.

Heidelberg ist keine Erasmus-Partneruniversität der Uni St. Gallen, weshalb man das Gaststudium als sogenannter „Freemover“ komplett selbst organisieren und finanzieren muss. Auch ich dachte im Vorfeld, dass mich als Freemover ein enormer Organisationsaufwand erwarten würde, doch das hat sich keineswegs bewahrheitet. Der größte Unterschied zur Erasmus-Bewerbung ist, dass die Universität – die sich selbst „HSG“ abkürzt – noch ein paar mehr Dokumente einsehen möchte. Zudem muss man sich um die Beurlaubung in Heidelberg selbst kümmern. Ein wesentlich größerer Unterschied liegt im Finanziellen, denn die Studiengebühren muss man komplett alleine finanzieren. Es gibt nichts daran zu beschönigen, dass ein Betrag von 1500 € pro Semester nicht zu unterschätzen ist. An den Studiengebühren dürfte ein Aufenthalt an der HSG dennoch nicht scheitern. So bietet zum einen die Universität selbst Finanzierungsmöglichkeiten. Zum anderen gibt es das Auslands-Bafög und auch nahezu sämtliche Stipendiengeber zahlen einen Auslandszuschlag und übernehmen ggf. die Studiengebühren.

Schon in den ersten Semesterwochen merkt man, dass die Hochschule ihren Ruf als Eliteuniversität nicht von Ungefähr hat und dass sie diesen auch durchaus pflegen möchte. Die Betreuungsrelation von Professoren zu Studenten ist absolut beeindruckend. In eigentlich keiner Veranstaltung unterrichtet ein Dozent mehr als 50 Hörer und oftmals ist das Verhältnis sogar noch deutlich besser. Neben Universitätsprofessoren gibt es auch eine enorme Zahl an renommierten Gastdozenten, die einen dauerhaften Lehrauftrag an der HSG haben. Das führt dazu, dass man das Gesellschafts- oder Kapitalmarktrecht beispielsweise von Syndikussen vermittelt bekommt, die tagtäglich in der Praxis mit dem jeweiligen Rechtsgebiet zu tun haben. Dies zeigt, dass in St. Gallen auch bei der Juristenausbildung ein starker Fokus auf den Praxisbezug gelegt wird. Eine weitere Besonderheit ist, dass das Rhetorische und Kommunikative starke Beachtung findet. Während man in Deutschland - überspitzt formuliert - quasi bis zur mündlichen Staatsexamensprüfung kommen kann ohne auch nur einmal etwas gesagt zu haben, wird von St. Galler Jurastudenten auch in diesem Bereich einiges gefordert: So bauen Veranstaltungen stark auf die Beteiligung der Zuhörer auf, pro Semester müssen mehrere Präsentationen und Vorträge gehalten werden und es gibt speziell auf Juristen zugeschnittene verpflichtende Rhetorikkurse. Aber auch an klassisch juristischen Vorlesungen mangelt es keineswegs. Wie auch in Deutschland werden Juristen zu Generalisten ausgebildet, sodass man sich während seines Aufenthaltes in nahezu jedem Rechtsbereich weiterbilden kann. Bedingt durch das enorme Renommee der Uni im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich legt die juristische Fakultät aber einen besonderen Fokus auf das schweizerische und insbesondere auf das europäische Wirtschaftsrecht. Bedingt dadurch, dass ich mich bereits lange vor meinem Auslandssemester für den Schwerpunktbereich „Wirtschaftsrecht und Europarecht“ entschieden hatte, lag in genau dieser Fokussierung der HSG ein Hauptgrund für meine Entscheidung für St. Gallen. Deshalb besuche ich nun fast ausschließlich solche Veranstaltungen, die mir in meinem deutschen Schwerpunkt-Studium zu Gute kommen.

Bisher könnte beim Leser der Eindruck entstanden sein, dass die Unterschiede zu Deutschland überschaubar sind und dass es sich bedingt durch die Lage im deutschsprachigen Teil der Schweiz kaum nach Auslandssemester anfühlt. Auch wenn ich selbst zunächst nicht frei von dieser Angst war, so kann ich bereits jetzt sagen, dass sie vollkommen unbegründet war. Abseits der geographischen Nähe erinnert eigentlich nichts an Deutschland. Zum einen sind die Schweizer ein eingeschworenes Volk, das seine vollkommen eigenständige Kultur pflegt. Zum anderen herrscht an der Universität ein absolut internationales Flair vor. Bedingt durch ihren Ruf zieht die Hochschule Studenten aus aller Welt an. So habe ich bereits in den ersten Wochen des Semesters Kommilitonen aus allen Kontinenten kennengelernt. Zudem will die HSG bis 2015 ein rein englischsprachiges Studium ermöglichen, weshalb ich schon jetzt meine Kurse so wählen konnte, dass sie nahezu alle in Englisch gehalten werden. Auch wenn das eigene Heimatland denkbar nahe liegen mag, so fühlt es sich dennoch sehr weit weg an.

Obwohl allen Studenten an der HSG viel abverlangt wird, so kommen dennoch die Freizeitangebote und das Nachtleben keineswegs zu kurz. Touristisch kommt man in der Ostschweiz voll auf seine Kosten: Die Schweizer Alpen bieten sommers wie winters tolle Möglichkeiten für kurze oder auch längere Ausflüge. Doch auch in St. Gallen selbst lässt sich einiges erleben. So gibt es eine unieigene, von Studenten betriebene Bar, die Getränke jedweder Art zu günstigen Preisen anbietet. Dort wie auch in allen anderen Studentenbars und -clubs wird das Motto groß geschrieben „Study hard – party harder“, sodass die HSG ihrem schweizweit bekannten Ruf als Elite- und Party-Uni durchaus gerecht wird. Dennoch handelt es sich keineswegs um eine „Feier-Uni“: Selbst derjenige, der sich bis spät in die Nacht in einer der St.Galler Studentenkneipen aufgehalten hat, sitzt am nächsten Morgen selbstverständlich pünktlich um acht Uhr im Vorlesungssaal.

Wer also bei seinem Auslandssemester auf der Suche nach einer sechsmonatigen ungebremsten Sause ist, der wird in St. Gallen nicht auf seine Kosten kommen. Denn Urlaub bedeutet ein Gaststudium an der HSG keineswegs. Wer aber auf der Suche nach einer guten Mischung aus hohem fachlichen Niveau, Internationalität und einer guten Atmosphäre ist, der ist an der Universität St. Gallen goldrichtig. Ich jedenfalls kann jedem ein Auslandssemester im nordöstlichen Teil der Schweiz sehr empfehlen und freue mich auf meine verbleibenden Monate in Sankt Gallen.

- Christian Steck

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