Ein Auslandsjahr an der University of Hong Kong

 

Organisation

Die juristische Fakultät der Univeristy of Hong Kong verfügt über einen übersichtlich gestalteten Internetauftritt (http://www.law.hku.hk/), über den die Bewerbung um einen Austauschplatz abgewickelt wird. Zur Bewerbung sind ein Notenspiegel aller bisher erzielten Studienleistungen, ein Motivationsschreiben und ein Nachweis über ausreichende Englisch-Kenntnisse erforderlich. Die Noten sollten einem Durchschnitt von „B“ entsprechen, das für deutsche Jurastudenten ungefähr 9 Punkte im Schnitt bedeutet. Der Nachweis über Englischkenntnisse erfolgt über einen TOEFL iBT, der mit mindestens 100 aus 120 Punkten abgelegt werden muss. Der TOEFL Test als solcher ist bei guten Englischkenntnissen kein Problem und kann in Heidelberg abgelegt werden, allerdings sind Kosten von 240 USD einzuplanen. Bei soliden Englischkenntnissen ist eine Vorbereitung meines Erachtens nicht erforderlich, allerdings sollt man sich mit der Struktur des Tests vertraut machen, um keine Zeit in der Prüfung darauf verschwenden zu müssen.

Nach erfolgreicher Bewerbung bekommt man von der University of Hong Kong ausführliche Informationen über Studium und Anreise. Fragen per E-Mail wurden immer binnen eines Tages kompetent beantwortet. Die Bewerbung um ein Visum erfordert das Ausfüllen einiger Formulare. Allerdings kann man diese ausgefüllten Formulare von der Universität einreichen und abholen lassen, so dass man sich diese Arbeit sparen kann und sein Visum bequem per Post von der Universität aus Hongkong zugeschickt bekommt.

Vor der Reise ist neben dem Visum das Wichtigste, sich um eine Wohnung in Hongkong zu bemühen. Auf Grund der angespannten Wohnsituation ist es ratsam, so früh wie möglich damit zu beginnen. Die Universität bietet Wohnplätze in Studentenwohnheimen an. Wegen der hohen Nachfrage können allerdings nicht alle Studenten einen Platz erhalten. Für diejenigen, die keinen Platz erhalten haben, bietet die Universität aber Unterstützung bei der Suche nach einer Wohnung auf dem privaten Wohnungsmarkt an. Sorgen, ob man ein Dach über dem Kopf haben wird, muss man sich somit nicht machen.

Die Universität

Die University of Hong Kong ist auf Hong Kong Island, der Hauptinsel Hongkongs gelegen. Man studiert somit in bester Lage. Sie ist die älteste Universität Hongkongs und feierte letztes Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Die Geschichte der Universität spiegelt sich auch in der Architektur ihrer Gebäude. Zunächst war es nur eine kleine Universität für die Elite des Landes. Diese war in einem kleinen aber sehr schmucken Gebäude im Kolonialstil beheimatet. Mit der Zeit wurde die Universität immer größer und der Platz in Hongkong immer knapper. Daher ist das kleine Gebäude im Kolonialstil nunmehr von zahlreichen riesigen Gebäuden umringt.

Nach der Ankunft in Hongkong werden sowohl von der Universität als auch von der Fakultät Kennen-Lern-Veranstaltungen durchgeführt, in denen man lokale und alle internationalen Studenten kennen lernen kann. Die Mehrzahl der Austauschstudenten kommt aus den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich. Dies liegt vor allem daran, dass an der Universität alle Vorlesungen mit Ausnahme von Sprachkursen auf Englisch unterrichtet werden müssen. Dies zeigt sich auch daran, dass eine Großzahl der Professoren nicht aus Hongkong, sondern aus aller Welt kommt.

Aufgrund der Verkürzung der Gymnasialzeit in Hongkong, ähnlich dem G8 in Deutschland, kam es dieses Jahr zu einem doppelt so starken Jahrgang. Im Gegensatz zu den Maßnahmen in Deutschland, wurde die Universität aber mit einem riesigen neuen Gebäudekomplex ausgestattet, der über hunderte neue Hörsäle (keine Übertreibung, es sind tatsächlich hunderte), Lernbereiche und Bibliotheken verfügt, ausgestattet. Es gibt gigantische Lernbereiche, in denen man auf Sofas, oder großen Schreibtischen, die je nach Vorzug auch mit Computer und ca. 30 Zoll TFT-Monitoren ausgestattet sind, mit Blick auf das Meer und den Hafen lernen kann. Trotz der Innenstadt Lage beginnt direkt hinter dem Campus die Natur, so dass man zum Entspannen im Dschungel spazieren gehen kann. Weiterhin erhält jeder Student ein eigenes Fach, in dem alle Unterrichtsmaterialen (Power-Point Folien, Handouts und Lesematerialien) aus allen Vorlesungen die man belegt, ausgedruckt vor der Vorlesung bereit liegen.

Auffällig ist auch die Hackordnung, die zwischen den Universitäten besteht. In Hongkong ist der berufliche Erfolg sehr stark an den Ruf der Universität, an der man studiert hat, geknüpft. Hier steht die University of Hong Kong an der Spitze und wird regelmäßig in Rankings als beste Universität Asiens ausgezeichnet. Die Noten sind dann für eine Bewerbung vor allem zur Abgrenzung von Studenten der eigenen Universität relevant und nicht so sehr zur Abgrenzung von Studenten anderer Universitäten.

Die juristische Fakultät

Die juristische Fakultät bietet hauptsächlich Vorlesungen zum Recht Hongkongs an, die insbesondere im Zivilrecht nahezu vollständig dem Recht Englands entsprechen. Daher bietet Hongkong die Chance, Common Law zu studieren und gleichzeitig eine nicht westliche Kultur kennenzulernen. Darüber hinaus bietet die Fakultät auch Kurse zum Recht der Volksrepublik China an. Die Vorlesungen werden meist ergänzt durch Arbeitsgemeinschaften, in denen der Stoff in kleiner Gruppe von meist weniger als zehn Studenten vertieft wird.

Im ersten Semester habe ich die Vorlesungen Business Associations, Regulation of Financial Markets, Introduction to Chinese Law and Legal System, Contract Drafting und Chinese as a Foreign Language belegt. Im zweiten Semester Vorlesungen in International Trade Law, International Securities Law, Mediation, Legal History und Chinese as a Foreign Language. Unterschiede bestehen zunächst in der Größe der Vorlesungen. Die meisten Vorlesungen haben weniger als 40 Studenten, manche sogar nur 10. Folglich gestaltet sich der Unterricht wesentlich Interaktiver als in Heidelberg und die Studenten zeigen eine größere Bereitschaft sich in den Unterricht einzubringen. Auffällig ist zudem, dass der Unterricht meist interdisziplinärer angelegt ist. Es werden insbesondere Aspekte aus den Bereichen der Wirtschaftswissenschaft, Philosophie und anderen Disziplinen eingebracht. Dies gilt allerdings nur in beschränktem Maße für die juristischen „Kernfächer“, wie zum Beispiel Business Associations, das von allen lokalen Studenten belegt werden muss. Auffällig ist auch die Art der Prüfungen und ihr Inhalt. Nur in einem einzigen Fach musste ich eine schriftliche Prüfung schreiben. In allen anderen Fächern wurden Take-Home Prüfungen geschrieben. Diese sind ähnlich einer deutschen juristischen Hausarbeit, allerdings muss man meist neben den den deutschen Studenten bekannten „problem solving questions“ auch zu allgemeinen Problemen in Essays Stellung nehmen.

Interessant ist auch die Möglichkeit, einen interdisziplinären Studiengang wählen zu können. So wählen viele Studenten den Studiengang Government and Law, Literature and Law oder Business and Law. Diese Studiengänge führen zwar zu einer Verlängerung der Studienzeit, erlauben aber eine wesentlich breitere Bildung. Der juristische Abschluss ist dem normalen Jurastudium absolut gleichwertig. So unterscheidet sich diese Möglichkeit von den Angeboten die es in Deutschland zum Beispiel an der Universität Mannheim (Unternehmensjurist) gibt dadurch, dass man ein traditionelles Jurastudium flankiert mit einer weiteren Disziplin. Durch die Verlängerung der Studienzeit wird, im Gegensatz zu der Möglichkeit in Deutschland zum Beispiel an der EBS Law School (traditionelles Jurastudium + Master in Business, der aber an die Bedürfnisse von Juristen angepasst ist, innerhalb der Regelstudienzeit), der Schwerpunkt als eigenständige Disziplin breiter entfaltet.

Land und Leute

Die Leistungsbereitschaft und der Wettbewerb unter den Studenten ist erheblich größer als in Deutschland. Durchgehendes Arbeiten von früh morgens bis spät in die Nacht sind hier Standard. Dies gilt auch für alle anderen Fakultäten. Da alle Vorlesungen auf Englisch erfolgen und das Auswahlverfahren extrem hart ist, findet man fast ausschließlich Studenten, die perfektes Englisch sprechen und äußerst gebildet sind.

Nach meiner persönlichen Erfahrung genießen Europäer in Hongkong einen guten Ruf. Schwierig allerdings ist das Verhältnis der Hongkonger zu China. Regelmäßig gibt es Demonstrationen gegen China und Chinesen werden in Hongkong ungern gesehen. Dies liegt vor allem daran, dass Hongkong sein eigenes politisches System von China bedroht sieht und der Wunsch groß ist, ein unabhängiger Staat vergleichbar mit Singapur zu werden. Die Abgrenzung zu China ist daher wohl auch in diesem Lichte zu sehen.

 


Fächer, in denen Unterrichtsmaterialen für die Studenten zum Abholen bereit liegen.


Eingang zum Moot-Court Raum.


Die juristische Bibliothek mit automatischen Regalen.


Blick aus der Bibliothek.


Eingang des Lernbereichs mit Wasserfall.


Innenhof des neuen Gebäudekomplexes.


Blick auf die Universität von meiner Wohnung im 14. Stock.


Einer meiner Hörsäle.


Das alte Universitätsgebäude.


Der Innenhof.


Denkmal zur Erinnerung an das Tian’anmen-Massaker von 1989.

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