StudZR-Interview mit Herrn Dr. Hans Janus, Rechtsvorstand der Euler Hermes Deutschland AG

 

 

Das Interview führten Alexander Schäfer und Björn Centner

 

Dr. Hans Janus ist seit 1994 Rechtsvorstand der Euler Hermes Deutschland AG. Euler Hermes, mit dem Hauptsitz in Paris, ist ein international agierendes Kreditversicherungsunternehmen und erwirtschaftet weltweit einen Umsatz von etwa 2,5 Milliarden Euro (Stand 2013). Im Ehrenamt ist Herr Dr. Janus zudem Vorsitzender des Vorstandes der Deutsch-Russischen-Juristenvereinigung e.V. (DRJV) und Mitglied im Vorstand des Osteuropa Vereins der deutschen Wirtschaft e.V.

 

StudZR: Sehr geehrter Herr Dr. Janus, haben Sie zunächst vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Gespräch mit der StudZR nehmen! Die meisten unserer Kommilitonen und Kommilitoninnen zieht es in die Vereinigten Staaten, nach Frankreich oder England – was hat Ihre Begeisterung für Russland geweckt?

Dr. Janus: Als Gymnasiast hatte ich allgemein ein Faible für Sprachen: Latein, Englisch und Französisch standen auf dem Stundenplan, aber ich fing auch an, mich für die russische Literatur zu interessieren: Dostojewski, Puschkin, Gorki – diese Autoren begeisterten mich! Gleichzeitig spürte man als junger Mensch in den frühen siebziger Jahren noch die politischen Nachbeben der 68er-Studentenrevolten. Fast alle Studenten redeten zu dieser Zeit über das sozialistisch-marxistische Wirtschaftssystem, ich wollte es verstehen. Mir wurde aber schnell klar, dass ich die russische – oder damals: die sowjetische – Denkweise nicht begreifen kann, ohne die Sprache des Landes zu sprechen, weshalb ich bereits als Schüler Russisch an der Volkshochschule paukte.

Wie kam es dann, dass Sie sich für Jura an der Universität eingeschrieben haben?

Ich träumte schon immer davon, Jura zu studieren! Zwar wollte ich nie Richter werden, wenn ich ganz ehrlich bin, denn die „Welt der Wirtschaft“ faszinierte mich schon damals. Und das Studium des Rechts stattete mich mit dem Rüstzeug aus, um in dieser Welt Fuß zu fassen.

Könnten Sie uns das erklären?

Ich habe damals gelernt mit dem Ungewohnten umzugehen: Im Studium wird man stets mit unbekannten Sachverhalten konfrontiert. Das ist im Management eines großen Unternehmens nicht anders: Zum einen erlernen Sie komplexe Fachfragen, mit denen Sie sich vorher noch nie beschäftigt haben, rasch zu verstehen, aber Sie müssen auch mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zurechtkommen, mit Ihnen verhandeln.

Würden Sie denn auch heute noch einem Abiturienten empfehlen, Jura zu studieren mit dem Ziel, in der Wirtschaft Karriere zu machen?

Sicherlich würde ich auch heute noch jungen Leuten raten, die lange aber bereichernde Reise mit dem Ziel Volljurist anzutreten. Allerdings muss ich eine Einschränkung machen: Wenn man sich heutzutage die Biographien der DAX-Vorstände anschaut, erkennt man, dass nur noch etwa jeder zehnte Jura studiert hat. Hingegen hat etwa ein Drittel der Vorstände Ingenieurwesen studiert und die Hälfte Wirtschaftswissenschaften, also BWL oder VWL. Das war anders als ich mit dem Studium anfing.

Was könnten die Gründe für diese Entwicklung sein?

Ich denke, der Hauptgrund ist, dass erfolgreiche Unternehmensführer – selbst in Unternehmen der sogenannten „Realwirtschaft“ – heutzutage viel fundiertere Kenntnisse von den Kapitalmärkten und der Buchführung haben müssen, als das früher der Fall war. Und, wenn es um komplexe, mathematische Finanzmodelle geht, trumpfen meistens nicht die Juristen auf.

Für unserer Leser ist also statistisch betrachtet schon Hopfen und Malz verloren. Was würden Sie den Kommilitonen mit dem Karriereziel „Vorstand“ empfehlen? Etwa so schnell wie möglich an die Universität Mannheim wechseln, um dort BWL zu studieren?

Nein! Denn die Rechtsabteilungen der Unternehmen sind immer noch ein gutes Karrieresprungbrett. Nur suchen die Unternehmen tendenziell keine Generalisten mehr, sondern zunächst Spezialisten. Daher würde ich Ihrem ambitionierten Heidelberger Kommilitonen empfehlen sich entsprechend zu spezialisieren: Zum Beispiel einen Schwerpunkt im Kapitalmarkt– oder Gesellschaftsrecht zu belegen, nebenbei an der Fernuniversität Betriebswirtschaftslehre zu studieren oder im Anschluss an das Jurastudium noch einen MBA im Ausland dranzuhängen.

Viele Kommilitonen stellen sich ihren idealen Studienverlauf wie folgt vor: So schnell wie möglich „scheinfrei“ sein, nebenbei den Schwerpunkt abhaken, ins „Rep“ gehen, das Examen schreiben, um dann möglichst im jungen Alter in den Beruf einsteigen zu können…

Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass das zutrifft. Aber nehmen wir mal an es träfe zu: Im Einstellungsverfahren schrecken mich solche stromlinienförmige Lebensläufe ab. Es kam nicht selten vor, dass wir bei Euler Hermes einen Juristen eingestellt haben, der vielleicht kein Prädikatsexamen hatte, aber dafür im Ausland wertvolle Erfahrungen gesammelt hat und sich für Kunst und Kultur begeistert.

Wir haben noch eine abschließende „Karriere-Frage“ an Sie: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, welche Faktoren haben maßgeblich zu Ihrem Erfolg beigetragen?

Der wichtigste Faktor war sicherlich die internationale Ausrichtung. Um nur ein Beispiel zu nennen: In den ersten acht Jahren meiner beruflichen Laufbahn habe ich im Auftrag der Bundesregierung ungefähr 40 Länder der Welt bereist und dort an Schuldenverhandlungen teilgenommen. Während dieser Zeit habe ich mir eine gewisse „Geländegängigkeit“ angeeignet, die in der globalen Welt unverzichtbar ist. Dazu kommt – das habe ich auch schon vorhin angedeutet – der berühmte Blick über den Tellerrand: Erfolgreich kann man nur sein, wenn man sich auch außerhalb des eigenen Terrains – im sozialen und kulturellen Bereich – bewegt.

Sie haben nach Ihrem zweiten Staatsexamen im Rahmen eines Promotionsstipendiums des DAAD ein Jahr an der Moskauer Staatsuniversität studiert. Worin unterscheidet sich methodisch die juristische Ausbildung in Deutschland von der Russischen?

Zu der Zeit als ich in Russland war, noch zu Zeiten der Sowjetunion, bestand der Inhalt des Studiums überwiegend darin, auswendig zu lernen und das Gelernte zu repetieren. Die Professoren lasen aus ihren Lehrbüchern vor und Diskussionen oder Streitgespräche, wie sie bei uns in Deutschland üblich waren und sind, wurden nicht geführt.

Worauf führen Sie das zurück?

Zum einen war das politische System ein anderes, was sich auch auf die Rechtausbildung auswirkte. Aber es könnte auch daran gelegen haben, dass die Studenten in Russland schon im recht jungen Alter an die Universität gelangten: Nicht wenige waren gerade mal siebzehn Jahre alt.

Es ist ein Gemeinplatz, aber das derzeitige deutsch-russische Verhältnis ist recht angespannt. Wie beurteilen sie die Konfliktlage und wie wirkt sich die gegenwärtige Situation auf Ihre Arbeit in der DRJV aus?

In unserem Verein wird seit Beginn der Krise bei eigentlich jeder Veranstaltung – und das sind nicht wenige – viel darüber diskutiert. Es ist ein zentrales Thema für uns, nicht zuletzt, weil dem eine rechtliche Prägung innewohnt. Wir diskutieren viel über völkerrechtliche Fragen oder das Sanktionsregime und seinen rechtlichen Rahmen. Mein primäres Anliegen ist jedoch für Dialog und Diplomatie zu werben. Es bedarf einer nüchternen Analyse der Lage und der gemeinsamen Suche nach einer sachgerechten Lösung. Mich bedrückt die aktuelle Situation, in der wir uns befinden, sehr!

Hat sich das Verhältnis der Mitglieder untereinander verändert?

Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen innerhalb unserer Vereinigung. Alle eint indes derselbe Wunsch nach Entspannung der Situation. Es ist auch wichtig, sich über die Argumente der russischen Seite zu informieren: Man wird wohl feststellen müssen, dass keine der beiden Seiten die alleinige Schuld für die angespannte Situation trägt. Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte.

Wie ist denn dann Ihre Haltung zu den Sanktionen, die die Europäische Union Russland auferlegt hat?

Die Bundesregierung konnte in Anbetracht des eklatanten Völkerrechtsbruchs durch die Annexion der Krim gar nicht anders handeln! Die Sanktionen sind die notwendige Reaktion auf dieses Ereignis. Allerdings brauchen wir auch ein Ausstiegsszenario aus dem Sanktionsregime: Es müssen von der Politik klare Vorgaben formuliert werden, unter welchen Bedingungen die Sanktionen zurückgenommen werden. Welches Verhalten verlangen wir vom Kreml? Sieht man von einer Pflicht zur jährlichen Überprüfung der Sanktionen ab, fehlt es aber genau an diesen klaren Vorgaben.

Was wäre denn für Sie die rechtliche Marschroute aus der Krise?

Ich glaube nicht, dass wir schon so weit sind. Wir müssen erst einmal wieder versuchen, einen konstruktiven, politischen Dialog herzustellen. Dort muss dann die OSZE eine Führungsrolle übernehmen. Daneben sollten auch die Gespräche im NATO-Russland-Rat wieder aufgenommen werden. Im Moment sprechen beide Seiten sehr negativ über die jeweils andere. Diesen Zustand sollten wir alsbald überwinden.

Und unsere letzte Frage: Würden Sie in Anbetracht der Russland-Krise es Jura-Studenten empfehlen, sich dennoch mit Russland zu befassen?

Russland hat es verdient, dass man sich mit dem Land intensiv beschäftigt! Allerdings sollte man eine gewisse Ernsthaftigkeit an den Tag legen, denn Russisch birgt als Verkehrs– und erst recht als Rechtssprache einige Herausforderungen. Hat man diese Hürde übersprungen, ist die Beschäftigung mit Russland in jeder Hinsicht sehr beglückend und erfüllend!

 

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