Der Sachsenspiegel

Der „Sachenspiegel – Ein Rechtsbuch von europäischem Rang

 

Von Prof. Dr. Klaus-Peter Schroeder

 

Am 9. Juli 1932, also vor einundachtzig Jahren, erging eine Entscheidung des höchsten deutschen Gerichts, des Reichsgerichts zu Leipzig, welche das Fürstenprivatrecht zum Gegenstand hatte. Der Urteilsspruch des Gerichts beruhte in seinem Kerngehalt auf einem Rechtsbuch, dem Sachsenspiegel, dessen Entstehung mittlerweile 800 Jahre zurückliegt. Die Vorstellung, dass ein Gericht im Jahre 2700 sich noch auf unser Bürgerliches Gesetzbuch beziehen wird, übersteigt selbst eine ausgeprägte juristische Phantasie.

Im Rückblick erscheint das 12. Jahrhundert, in welches der Verfasser des Sachsenspiegels, Eike von Repgow, hineingeboren wurde, als die entscheidende Wende von der Antike zur Neuzeit. Nicht mit der Entdeckung Amerikas, dem Thesenanschlag Luthers oder der Eroberung Konstantinopels durch die Türken nahm die moderne Welt ihren Beginn; er ist vielmehr zu finden in der so genannten „Renaissance des 12. Jahrhunderts”. Im Zusammenhang damit steht die Verdichtung des politischen, „staatlichen” Lebens, die Sorge für den Landfrieden und der Ausbau der öffentlichen Gewalt. Zu seinem vorläufigen Abschluß gelangte der Prozess der Territorialisierung. Vom Reich her und aus dem Reich entwickelten sich selbständige Herrschaftsträger, die zu „Territorien”, „Ländern” und schließlich zu wirklichen Staaten mutierten. Gleichzeitig damit entstand aber auch das Spannungsverhältnis zwischen dem Reich und seinen Territorien, welches späterhin zu dem bestimmenden Faktor in der weiteren Geschichte des deutschen Imperiums werden sollte. Noch beherrschte jedoch den geräumigen Schauplatz des Theatrum Europaeum die epochale Auseinandersetzung zwischen Kaisertum und Papsttum.

Man nimmt an, daß Eike von Repgow um 1180 in dem anhaltischen Dorf Reppichau geboren wurde. Er entstammte einem ostfälisch-sächsischen Geschlecht, das im 12. Jahrhundert als Kolonisten in das Elbe-Saale-Gebiet eingewandert war. Sicher nachgewiesen ist Eike in sechs Urkunden, ausgestellt zwischen den Jahren 1209 bis 1233, die von Gerichtsverhandlungen und anderen Rechtsakten berichten. In der Domschule zu Halberstadt oder Magdeburg erwarb er sich ein für die damalige Zeit erstaunliches Wissen. Vornehmlich bestand der Zweck dieser Schulen darin, Geistliche für ihre späteren Aufgaben vorzubereiten. So ist es wahrscheinlich, daß er anhand von lateinischen Schriften mit den Grundlagen des Kirchenrechts bekannt wurde. Religiös geprägt war ohnehin seine gesamte Erziehung und Ausbildung; nicht der Uhrzeiger, sondern die Domglocken und der kirchliche Rhythmus der Gebetszeiten bestimmten den Tagesablauf. Im Alter von 15 Jahren verläßt er die Schule; sein weiterer Bildungsweg liegt im Dunkeln. Als Gerichtsschöffe kam er in unmittelbare Berührung mit dem Rechtsleben und dem Gerichtsgebrauch seiner engeren Heimat. Höfisches Leben lernte er als Begleiter des Markgrafen Dietrich von Meißen kennen; zusammen mit Graf Hoyer von Falkenstein, seinem Lehnsherrn, weilte er bei Fürst Heinrich von Anhalt. Mit Rittern des Landgrafen Ludwig von Thüringen nahm er 1224 an einem Landding zu Delitzsch in der Grafschaft Eilenburg teil. Noch einmal erscheint er 1233 in der Zeugenreihe einer Urkunde, in welcher Erbe und Eigen durch die Markgrafen Johann und Otto von Brandenburg in Billingsdorf übertragen werden. Danach verlieren sich Eikes Spuren.

Aus seinem Hauptwerk, dem Sachsenspiegel, kann geschlossen werden, daß er neben dem heimischen sächsischen Recht ebenso reichsrechtliche Quellen seiner Zeit verarbeitete: So die „Treuga Heinrici” — ein Landfrieden aus dem Jahre 1224 — und die beiden großen Reichsgesetze des Staufers Friedrich II., nämlich die „Confoederatio cum principibus ecclesiasticis” (1220) und das „Statutum in fävorem principum” von 1232. Der für die weitere Verfassungsentwicklung Deutschlands so bedeutsame Mainzer Landfriede von 1235 hat hingegen im Sachsenspiegel keine Spuren hinterlassen. Wahrscheinlich war Eike zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben.

Mit seinem Sachsenspiegel hat Eike von Repgow das erste umfassende Rechtsbuch, ja das älteste größere Prosawerk in deutscher Sprache überhaupt geschaffen. Er gehört in die Reihe nahezu gleichzeitig entstandener Rechtsbücher in England, Frankreich, Dänemark, Schweden, Holland und Spanien. Zwischen 1220 und 1230 niedergeschrieben, übte der Sachsenspiegel Jahrhunderte lang einen immensen Einfluß auf die deutsche Rechtsentwicklung aus. Die nicht mehr erhaltene Urfassung des Rechtsbuchs war, wie die Reimvorrede bezeugt, in lateinischer Sprache gehalten: „Nun danket allgemein dem von Valkenstein, der Graf Hoyer ist genannt, daß ins Deutsche ist gewandt dies Buch auf seinen Rat: Eike von Repchow es tat”. Vorlage des deutschen Sachsenspiegel-Lehnrechts bildete der sogenannte „Auctor vetus de beneficiis”, ein Lehnrechtsbuch in lateinischer Reimprosa. Eike übertrug die für das gelehrte Publikum gedachte lateinische Fassung des Sachsenspiegels in die niederdeutsch-elbwestfälische Sprache seiner engeren Heimat. Überliefert wurde er zunächst ohne die heute geläufige Gliederung nach Büchern und Artikeln, wobei Eike sein Werk immer wieder aktualisierte, ergänzte und überarbeitete; um den Bedürfnissen der Gerichtspraxis seiner Zeit zu entsprechen, teilte er in der zweiten Fassung den Text des Sachsenspiegels in fünf Bücher ein.

Erfolg und Wirkung des Sachsenspiegels in der Rechtspraxis des 14. und 15. Jahrhunderts waren außerordentlich. Und dies, obgleich das Werk lediglich eine private Rechtsaufzeichnung ohne jedes hoheitliche Gebot darstellte und für den begrenzten Bereich Sachsens mit Schwergewicht auf dem ritterlich-ländlichen Raum verfaßt war. Angeführt wird der Sachsenspiegel bereits 1235 in der von dem polnischen Herzog Heinrich I. veranlaßten Rechtsmitteilung der Schöffen von Halle an die niederschlesische Stadt Neumark. Mit der vierten, wahrscheinlich kurz vor 1270 in Magdeburg entstandenen Fassung des Sachsenspiegels fand der Text seinen inhaltlichen Abschluß; Einflüsse des römischen Rechts sind nunmehr unverkennbar. Als einheitliches, in sich geschlossenes Rechtsbuch war der Sachsenspiegel Ausgangspunkt für Rechtsfortbildungen und Gegenstand wissenschaftlicher Bearbeitungen. Der am römischen und kanonischen Recht geschulte märkische Hofrichter Johann von Buch verfaßte um 1325 in niedersächsischer Mundart den ersten gelehrten Kommentar zum Landrecht des Sachsenspiegels, die Sachsenspiegelglosse. Irrig ging er davon aus, daß dieses Landrecht ein den Sachsen gewährtes, durch Eike von Repgow lediglich aus dem Lateinischen übersetztes Privileg Karls des Großen aus dem Jahr 810 sei. Nach einem Entwicklungsprozess von über 200 Jahren lag dann mit der Vulgata die nach Inhalt und Gliederung endgültige Fassung des Sachsenspiegel-Land- und Lehnrechts vor; sie bildete die maßgebliche Vorlage für die seit 1474 einsetzenden Sachsenspiegeldrucke.

In Augsburg wurde der Sachsenspiegel um 1265 ins Oberdeutsche übersetzt. In dieser Form diente er als „Muster” für den „Deutschenspiegel”, der nur in einem einzigen vollständigen, aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts stammenden Innsbrucker Pergament tradiert ist. Im Gegensatz hierzu fand der 1275/76 entstandene Schwabenspiegel – dem der Deutschenspiegel und damit mittelbar der Sachsenspiegel zugrunde liegt – eine weite Verbreitung innerhalb des süddeutschen Raums einschließlich Österreichs und der Schweiz.

Berühmt sind die künstlerisch ansprechenden, nach ihren einzelnen Aufbewahrungsorten benannten Bilderhandschriften („codices picturati”) des Sachsenspiegels: Die vollständigste ist die vermutlich in Meißen (vor 1375) entstandene Dresdener Bilderhandschrift; neben Heidelberg finden sich in Oldenburg und Wolfenbüttel weitere bilderbuchartige Erläuterungen des Sachsenspiegeltextes. Bekannt sind 460 Handschriften des Sachsenspiegels, von denen jedoch infolge von Kriegsverlusten und anderen Katastrophen heute lediglich noch 219 Exemplare erhalten sind. Der Sachsenspiegel selbst wurde mehrfach in das Lateinische, ins Polnische wie auch Niederländische übertragen und drang im Verlauf der Ostkolonisation weit über die Grenzen des Reichs hinaus. Bedeutsam für seine Verbreitung wurden insbesondere die Rechtsmitteilungen und Schöffensprüche des Leipziger und Magdeburger Schöffenstuhls. Viele Bestimmungen des Sachsenspiegels wanderten so zusammen mit dem nahe verwandten Magdeburger Recht in den europäischen Osten und Südosten.

Während das Landrecht des Sachsenspiegels als ein Privileg Karls des Großen angesehen wurde, führte man das Lehnrecht auf eine „Authentica” Kaiser Barbarossas zurück. Die an den Digesten geschulten Juristen begriffen ihn nunmehr — wie die übrigen Rechtsbücher des Spätmittelalters — als „Kaiserrecht”, als gesetztes Recht. In einer Vielzahl von Gutachten und Schiedssprüchen wurde der Sachsenspiegel gleichberechtigt als maßgebliches Schriftrecht neben den Normen des gemeinen kanonischen und römischen Rechts genannt.

In der Reimvorrede erklärt Eike den Titel seines Weikes, der gleichzeitig über den Inhalt Aufschluß gibt: „Spiegel der Sachsen sei dies Buch genannt, denen Sachsenrecht wird darin erkannt, wie in einem Spiegel die Frauen ihr Antlitz beschauen”. Aber mit einer bloßen Abspiegelung des in seiner Heimat geltenden Rechts begnügte sich Eike keineswegs. Wohlbedacht bemühte er sich ebenso um die Beseitigung von Unklarheiten und um Tilgung schlechter Gewohnheit.

Einleitend wurde bereits bemerkt, daß der Sachsenspiegel in ein Landrechts- und Lehnrechtsbuch zerfällt. Gegenstand des Landrechts ist der bäuerlich-adlige Lebensraum des Gebiets der Elbbistümer Sachsens am Harzrand. So begegnet uns in den Zeilen des Sachsenspiegels die agrarisch geprägte Lebenswelt des Mittelalters: Fischteiche werden angelegt, Wälder gerodet und Häuser gebaut. Die besondere Aufmerksamkeit Eikes gilt aber dem Strafrecht. Aus eigener Erfahrung kannte er die Schwierigkeiten bei der Erhaltung und Bewahrung des Landfriedens, welche eine der zentralen Aufgaben des deutschen Herrschers waren. Mit Gottes- und Landfrieden versuchten sie seit dem 11. Jahrhundert, eine umfassende Friedensordnung zu errichten und die verheerende ritterliche Fehde zu bekämpfen. Unter Kaiser Barbarossa wird ein absolutes Fehdeverbot (1152) erlassen, das sich aber als nicht durchsetzbar erweist. Erst der Ewige Landfriede und die Einsetzung eines Reichskammergerichts (1495) führten nach mehr als drei Jahrhunderten zum Erfolg.

Sehr häufig findet sich im Sachsenspiegel als Strafe die Acht und damit in Verbindung der Kirchenbann. Zunächst begründete die Acht lediglich ein Recht auf Festnahme. Die Verbindung von Acht und Bann begegnet erstmals in dem Gesetz zugunsten der geistlichen Fürsten aus dem Jahr 1220. Zwingend wurde festgelegt, daß die Reichsacht dem Kirchenbann zu folgen hat, wenn dieser länger als sechs Wochen andauert; bevor keine Lösung aus dem Bann erfolgt, darf die Reichsacht nicht aufgehoben werden. Diesen Rechtssatz, welcher mit einzelnen Modifikationen in zahlreichen späteren Rechtsquellen und Gesetzen begegnet, nahm ebenso der Sachsenspiegel an herausgehobener Stelle auf: „Was dem Papst widersteht, was er mit geistlichem Gericht nicht zu zwingen vermag, daß es der Kaiser mit weltlichem Gericht zwinge, dem Papst gehorsam zu sein. So soll auch die geistliche Gewalt helfen dem weltlichen Gericht, wenn es dessen bedarf.“

Das Verhältnis von Kaiser und Papst, von Reich und Kirche, ist ein „Grundthema abendländischer Geschichte” (Laufs), dem sich auch Eike mit großer Verve annimmt. Bedingungslos verficht er — ebenso wie sein Zeitgenosse Walther von der Vogelweide — im Rahmen dieser epochalen Auseinandersetzung die kaiserlichen Positionen. So lehnt Eike nachdrücklich die Zweischwerterlehre in ihrer kurialistischen Ausprägung ab. Vielmehr vertrat er die imperiale Theorie, die von der grundsätzlichen Gleichrangigkeit von Kaiser und Papst ausging: beide Schwerter kommen unmittelbar von Gott, welcher das weltliche dem Kaiser, das geistliche aber dem Papst anvertraut habe. Erinnerlich war Eike sicherlich auch noch der scharfe Protest der deutschen Fürsten gegen die Einmischung der päpstlichen Kurie als Schiedsrichter gelegentlich der deutschen Königswahl während des staufisch-welfischen Thronstreits im Jahre 1199. Wenn auch die Kurfürsten zu Rhens und das Gesetz „Licet juris” Kaiser Ludwig des Bayern aus dem Jahre 1338 das Kaisertum vom Papsttum unabhängig machen wollten, so galt doch weiterhin der Satz des Sachsenspiegels, nach dem der deutsche König „königliche Gewalt und königlichen Namen hat. Wenn ihn der Papst weiht, so hat er des Reiches Gewalt und kaiserlichen Namen.”

Das Verfahren bei der Wahl des Königs, die zunächst nicht auf festen Regeln beruhte, beeinflußte der Spiegler nachhaltig: „Bei des Kaisers Kur soll der erste sein der Bischof von Trier, der zweite der Bischof von Mainz, der dritte der Bischof von Köln. Unter den Laien ist der erste bei der Kur der Pfalzgraf vom Rhein, des Reiches Truchseß; der zweite der Marschall, der Herzog von Sachsen; der dritte der Kämmerer, der Markgraf von Brandenburg. Der Schenke des Reiches, der König von Böhmen, hat keine Kur, weil er nicht deutsch ist. Danach küren des Reiches Fürsten alle, Pfaffen und Laien. Die als erste bei der Kur benannt sind, die sollen nicht küren nach ihrem Mutwillen; sondern wen die Fürsten alle zum König erwählen, den sollen sie allererst bei Namen küren” (LdR IJI 57 § 2). Die Bevorrechtigung der drei weltlichen Wahlfürsten bringt der Sachsenspiegel in Verbindung mit den von ihnen ausgeübten Ehren- oder Erzämtern beim Krönungsmahl (Truchseß, Marschall, Schenk und Kämmerer). Die bei der Wahl des deutschen Königs zu beachtenden Grundsätze fanden späterhin in der Goldenen Bulle Kaiser Karl IV. von 1356 ihre definitive Regelung. Mit der Krönung traten die vollen Königsrechte in Kraft. Macht und Grenzen des deutschen Königs beschreibt Eike in einer Reihe von weiteren Artikeln verfassungsrechtlichen Gehalts. Der König ist zwar oberster Richter; er steht aber nicht über dem Recht gemäß dem römisch-rechtlichen Satz „princeps legibus solutus”, sondern ist selbst Recht und Herkommen unterworfen. Brach er das Recht, so verletzte er seine gegenüber Volk und Reich bestehende Treuepflicht. Dem ungerechten König darf nach dem Landrecht des Sachsenspiegels Widerstand geleistet werden, ohne daß man seine dem König gegenüber bestehende Treuepflicht verletzt (LdR III 78 § 2). Unter dem Vorsitz des Pfalzgrafen bei Rhein konnte der ungerechte König von einem Fürstengericht abgesetzt und ihm „das Reich mit Urteilen aberkannt” werden (LdR III 52 § 3, 54 § 4). Auch hier beeinflußte der Sachsenspiegel wiederum die spätere Entwicklung, wie sie aus den entsprechenden reichsrechtlichen Bestimmungen in der Goldenen Bulle abzulesen ist.

Dem Leser von heute fällt es schwer, eine Systematik in dem Aufbau des Sachsenspiegels zu erkennen; es herrscht vielmehr das Bild eines kunterbunten Durcheinanders. Grundregeln des Verfassungslebens stehen — scheinbar ungeordnet — neben Rechtssätzen privatrechtlichen Inhalts und mythischen Aussagen, durchsetzt von religiösen Gedanken und historischen Exkursen. An modernen Maßstäben ist dieses Rechtsbuch — „eines der wichtigsten deutschen Rechtsdenkmäler überhaupt” (Wieacker) — nun einmal nicht zu messen. Geprägt ist der Sachsenspiegel von dem assoziativen Denken seines Verfassers. Seine Sprache ist nicht abstrakt, sondern plastisch und konkret zugleich. Allgemeine Rechtsgedanken finden sich durch anschauliche Beispiele verdeutlicht. Unübersehbar ist Eikes Neigung zum Hergebrachten; er wollte das Recht seiner eigenen Heimat bewahren und strebte keine künstliche Originalität an. Und doch ist auch seine rechtschöpferische Leistung unübersehbar; erinnert sei etwa an die Verknüpfung der Kurfürstenstellung mit den Erzämtern oder an die von ihm aufgestellte Heerschildordnung. Zu beachten bleibt ebenso, daß die Rechtskultur im germanisch-deutschen Raum zur Zeit Eikes eine weitgehend schriftlose war. Man lebte in Deutschland nach einem vielzitierten Satz aus dem Mainzer Landfrieden von 1235 „consuetudinibus antiquitus et jure non scripto”. Eike war es, welcher mit dem Sachsenspiegel die Schriftlichkeit des Rechts im Rahmen des sächsischen Territoriums herbeiführte.Bis in das 18. Jahrhundert hinein bildete der Sachsenspiegel die grundlegende Ausformulierung des sächsischen Rechts. Zusammen mit dem magdeburgischen Weichbild als der hervorragendsten Quelle sächsischen Stadtrechts wurde er unter dem Oberbegriff „gemeines Sachsenrecht” oder „ius Saxonicum commune” dem rezipierten römischen Recht entgegengesetzt. Der Sachsenspiegel stellte vor diesem Hintergrund das „Hauptbollwerk gegen die Rezeption des römischen Rechts” (Hans Thieme) dar. Als Quelle des geschriebenen Rechts wurde der Sachsenspiegel außerhalb des sächsischen Raumes jedoch nur anerkannt, wenn seine „Geltung” durch Gesetz oder Gewohnheit bewiesen werden konnte. Je intensiver aber die territoriale Rechtsordnung durch Gesetzgebung gestaltet wurde, desto mehr verengte sich der praktische Anwendungsbereich des gemeinen Sachsenrechts. Bis zur Verabschiedung des ALR im Jahre 1794 galt der Sachsenspiegel in Preußen; das Lehenrecht ist erst 1850 mit dem Erlaß der preußischen Verfassung außer Kraft getreten. Noch bis zum Jahr 1863 griff man in Kursachsen auf dieses Rechtsbuch zurück. Ebenso hielt man bis zum Inkrafttreten des BGB am 1.1.1900 in Holstein, Lauenburg, Anhalt und in den thüringischen Kleinstaaten am Sachsenspiegel als subsidiärer Hauptquelle fest. Eingangs erwähnte ich, dass im Jahre 1932 sich noch das Reichsgericht auf den Sachsenspiegel bezog. Ein Jahr später, 1933, dienten Eike und sein Rechtsbuch der Propagierung nationalsozialistischen Gedankenguts. Gefeiert wurde Eike von Repgow nunmehr als der „Vorkämpfer für ein freies, volksnahes deutsches Recht”. Aber auch die für Deutschland so verheerenden Jahre der Hitlerei haben die Leistungen und das Werk Eike von Repgows, eines zutiefst religiös geprägten Menschen, nicht verdunkeln können: „Mit Fug kann Eike die größte rechtsschöpferische Persönlichkeit der deutschen Rechtsgeschichte genannt werden” (W. Ebel).

 

  • Keine Kommentare gefunden
Melde Dich an um zu kommentieren
Powered by Komento
Free visitor tracking, live stats, counter, conversions for Joomla, Wordpress, Drupal, Magento and Prestashop