Vor dreißig Jahren in der DDR – Westdeutscher Rechtslehrer unterrichtet ostdeutsche Ärzte

 

Von Prof. em. Dr. Dr. h.c Adolf Laufs

 

1. Zeitsignaturen

Viele und bemerkenswerte Ereignisse der achtziger Jahre füllen die Chroniken, auch die – im Buchhandel längst vergriffene – von 1983 (Tag für Tag in Wort und Bild, herausgegeben von B. Citron, J. Stern und A. Zehntner). So beschlossen im Jahr 1983 die Nato-Länder nach den gescheiterten Abrüstungsverhandlungen in Genf und Wien die Stationierung neuer US-Mittelstreckenraketen auf europäischem Boden mit gewaltigen Protestdemonstrationen im Gefolge. In Nicaragua herrschte seit 1979 Bürgerkrieg. Der Afghanistankrieg ging ins vierte, der Golfkrieg ins dritte Jahr, die USA besetzten Grenada, und die Sowjetunion schoss einen südkoreanischen Jumbo-Jet ab. Trotz dieser und anderer Schrecken stellen sich die achtziger Jahre bei näherem Hinsehen vergleichsweise als eine Ära des Übergangs dar, in den die Krisen der Vergangenheit noch hineinragten und in dem die Keime des Kommenden schon bereitlagen, nämlich die zunehmende Globalisierung, der Zusammenbruch des Ostblocks und die Europäisierung.

In seiner 2012 erschienenen großen politischen Biographie Helmut Kohls beschreibt Hans-Peter Schwarz die „kurzen achtziger Jahre“ als „eine bemerkenswerte Zwischenphase, deren Eigenart die künftige Geschichtsschreibung noch stärker auszumessen haben wird“. Voraus ging dieser kurzen Zwischenphase das Ende des „Wirtschaftswunders“ seit dem Schock des Ölembargos von 1973: eine Epoche der Stagnation, der Währungskrisen, der Erschütterung ganzer Branchen, wachsender Arbeitslosigkeit und heftiger Verteilungskämpfe, anschwellender Protestbewegungen auch gegen die Atomkraft, von Terroranschlägen und nicht zuletzt der Studentenrevolte mit mannigfachen Belagerungszuständen an den Universitäten.

Im Krisenjahrzehnt der siebziger Jahre hat sich bei allen Veränderungen des Bewusstseins und des Parteiensystems der Rechtsstaat aber behauptet: „1968 zwang die politischen establishments aller Richtungen dazu, Verfassungsstaat und Demokratie mit mehr Fantasie, mit intelligenteren Methoden zu verteidigen, als einzig mit dem Traditionsargument“ (Hans Maier). Die Jugendunruhe hat nicht nur „die Achtundsechziger“ geprägt, sondern auch deren Gegner.

In den Achtzigern stabilisierte sich die Wirtschaft, beruhigte sich die politische und die akademische Szene. Im Blick auf die Geteiltheit Deutschlands herrschte vor allem bei den Intellektuellen und in der politischen Klasse ein Immobilismus, den Joachim Fest das „Phlegma des juste milieu“ nannte.

Eine Emnid-Umfrage wollte im Jahr 1983 wissen, was die Befragten für vordringlicher hielten: die Vereinigung mit der DDR oder einen europäischen Zusammenschluss; es gaben sechzig Prozent letzterem und nur 36 Prozent der Wiedervereinigung den Vorzug. Die im selben Jahr durch das Bundesverfassungsgericht bekräftigte gemeinsame deutsche Staatsangehörigkeit stieß auch im Westen auf Kritik wie die Erfassungsstelle Salzgitter für Gewaltverbrechen in der DDR.

Verstärkte sich die Anziehungskraft der Bundesrepublik, gefördert durch Westreisen, D-Mark und bundesdeutsches Fernsehen, so festigte sich auf der anderen Seite das Bewusstsein dauerhafter, historisch begründeter Zweistaatlichkeit. Die Entfremdung zwischen West und Ost nahm zu. In seinem Silvester-Leitartikel 1983 für die Frankfurter Allgemeine Zeitung konstatierte Friedrich Karl Fromme, es habe sich „eine eigene Lebensform“ in der DDR ausgebildet. „Es mag nicht ganz die sein von dem Reißbrett des Regimes. Es ist aber auch nicht die des Westens und schon lange nicht die der Traditionsfassade eines vergangenen preußischen Deutschland“.

Diese eigene Lebensform der DDR erschloss sich wohl den meisten Westdeutschen nicht. Man wusste zu wenig voneinander, nahm zu wenig Notiz vom anderen, auch im akademischen Unterricht. Mentalitätsgeschichtliche Untersuchungen vom Range etwa der Studien Wolfgang Englers gab es längst noch nicht (Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, 5. Aufl. 2008). „Die Besonderheit der DDR-Gesellschaft bestand darin“, so dieser Autor, „daß es trotz aller bedrohlichen Zeichen immer irgendwie weiterging, und sei es auch um den Preis von wirtschaftlichem Ausverkauf und internationaler Verschuldung. Der Kollaps wurde kaschiert, bis er eintrat“. Dass er am Ende des kurzen Jahrzehnts, 1989, geschehen und der ganze Ostblock zusammenbrechen werde, erwarteten die Bundesbürger durchaus nicht.

Die deutsche Frage blieb auch in den achtziger Jahren offen, doch ihre Lösung stand nicht auf der weltgeschichtlichen Tagesordnung. Der seit 1982/83 regierende Bundeskanzler Helmut Kohl setzte auf eine europäische Lösung und „ganz auffällig“, wie sein Biograph zeigt, „auf verstärkte individuelle und private Begegnungen“. Gewisse Mäßigungen der SED-Diktatur und Verständigungen im Verhältnis der beiden Staaten zueinander kamen dem im Jahr 1983 entgegen. So erklärte die DDR 1983 zum Lutherjahr – eine Hinwendung zur ganzen deutschen Geschichte. Im selben Jahr 1983 rief die Partei auch ein Karl-Marx-Jahr aus anlässlich dessen 100. Todestages und seines 165. Geburtstages; dabei trat Stalin zurück und Engels hervor. Milliardenkredite, der Abbau von Selbstschussanlagen an der Grenze, Politikerbesuche, die Integration der S-Bahn in das Westberliner Verkehrssystem, ein neues Postabkommen, ein vertraglicher Modellfall für innerdeutsche Regelungen zur Luft- und Wasserreinhaltung, nicht zuletzt eine wachsende Zahl von Besuchern aus der DDR und auch Ausreisender – alle diese Ereignisse und Zeichen vor dreißig Jahren wiesen auf eine verhalten wiederkehrende Annäherung beider deutscher Staaten. Hinzu kamen eine Erweiterung der geistig-theoretischen Spielräume, ein „großes Lernen“ (Ursula Heukenkamp) in der DDR, verbunden mit wachsenden Zweifeln der Bürger am diktatorischen Gefüge des Staates, mit Endzeitgefühlen und Absurditätsempfinden.

Die alleinherrschende SED indessen ließ es an –auch im Westen sichtbaren – Signalen des unerbittlichen Fortbestandes ihrer totalitären Herrschaft nicht fehlen. So verfolgte etwa die Staatsgewalt rücksichtslos die christliche Jenaer Friedensgemeinschaft, verurteilte Roland Jahn, einen der führenden Aktivisten, Anfang 1983 zu Haft und schob ihn danach in die Bundesrepublik ab (Chronik, S. 111). Im September desselben Jahres beklagte der sächsische Bischof Hempel öffentlich die Verbitterung vieler Bürger über die Behandlung durch die Staats- und Parteibehörden und kritisierte die „gefilterte“ Art der Information (H. Weber, Die DDR 1945-1990, 5. Aufl. 2012, S. 98 f.).

2. Begegnungen

Am Sonntag, 22. Oktober 1983, unternahm ich auf eigene Kosten als Heidelberger Professor eine Vortragsreise in dieses ferne, mir unbekannte Land: nach Ost-Berlin, wo ich als ehrenamtlicher Referent auf Einladung des Katholischen Akademikerverbandes an einer zweitägigen Ärztekreis-Konferenz oder –Fortbildung teilnehmen und über Themen des Arztrechts referieren sollte. Ich war nur fachlich vorbereitet und wusste nicht, was mich in der „Hauptstadt der DDR“ erwartete. Die gutgläubige Ahnungslosigkeit hielt Ängste vor der Stasi und obrigkeitlichen Willkürakten zunächst von mir fern. An jenem 22. Oktober übrigens fanden in der Bundesrepublik als Höhepunkte einer Aktionswoche gegen die Nachrüstung machtvolle Massenproteste statt, an denen sich weit mehr als eine Million Menschen beteiligten. Aber darauf kam in Ostberlin die Rede nicht.

Schon vor Erreichen des düsteren Grenzortes, des S-Bahnhofs Friedrichstraße, hätte ich misstrauisch sein können: Die Auftraggeber hatten mich geheißen, ohne eigene und fremde Bücher, ohne Sonderdrucke und ohne jedes Manuskript zu reisen. Was mir als akademischem Redner und als Gast kurz zuvor noch in der Volksrepublik China oder in Ungarn möglich gewesen war, sollte mir in Ostberlin versagt bleiben. Nach dem Grund meiner Reise gefragt, sollte ich das Treffen mit einem alten Bekannten vorschützen. Von den Organisatoren der Konferenz erfuhr ich dann, dass die Veranstaltung in einer Grauzone stattfände: weder erlaubt, noch verboten, auch nicht angemeldet. Die Obrigkeit schien die Anmeldepflicht nicht eingeschärft zu haben. Die Veranstalter berichteten weiter von den Schwierigkeiten der Vorbereitung: So habe sich die Absicht nicht verwirklichen lassen, einen im Gutachterwesen tätigen, qualifizierten Referenten aus der DDR zu gewinnen. Dieser habe darauf bestanden, den Namen des westlichen Referenten zu erfahren, den die Veranstalter aber vorher nicht preisgeben wollten. Auch eine Abstimmung der Referenten vor ihrem Auftreten sei nicht möglich.

Der Übergang Friedrichstraße, den ich zuletzt 1978 passiert hatte, schien gewisse Erleichterungen bei der Abfertigung in verbesserten Räumlichkeiten zu bieten. Indessen wirkte der gesamte Komplex verwahrlost wie früher mit den Plakaten, dem fallenden Mauerputz und den Gerüchen, auch das Bedrückende der Atmosphäre war geblieben. Vor den engen, mit Deckenspiegeln versehenen Durchlass-Schleusen standen lange Schlangen wartender Menschen, unter ihnen viele Ältere, wenig Gespräche, geduckte Disziplin. Beim Aufruf der zuvor vergebenen laufenden Passier-Nummern, übersprang die Lautsprecherstimme zu meinem Schrecken die eigene Zahl, die dann erst nach einigen weiteren Nennungen zum Zuge kam. Die vielen Uniformierten und ihr Gehabe verstörten zusätzlich. Der Durchlass dauerte länger als eine halbe Stunde. Am schnellsten ging der Zwangsumtausch; die Ost-Scheine kamen wie frisch aus der Presse. Danach fanden sich weder Zeit noch Gelegenheit zur eigennützigen Ausgabe dieser Scheine; ich gab sie fast ganz für kirchliche Zwecke. Am Taxistand vor dem Bahnhof stand wieder eine Schlange. Das Warten auf einen der heruntergefahrenen Wagen dauerte eine knappe halbe Stunde. Die Fahrerin erklärte mir gleich freundlich, dass sie abgespannt sei und ihr Soll nur mit Mühe erreiche. Der Fahrpreis nach Ostberlin hinein erstaunte mich: er betrug nur 4,50 Mark Ost. Die von mir angebotenen 10,- Ostmark nahm die Chauffeurin fast gleichgültig entgegen: das Geld spielte im Osten eine geringere Rolle als im Westen.

Die Konferenz, eine kirchliche Veranstaltung unter der Leitung des Generalvikars, fand statt im Bischöflichen Bildungshaus, einem gepflegten großen Gebäudekomplex vom Ende des 19. Jahrhunderts, der verschiedene Erweiterungen erfahren hatte und noch erfuhr. Das Bildungshaus diente verschiedenen kirchlichen Zwecken, bot auch Unterkunft und Mahlzeiten. Dort versammelten sich ungefähr fünfzig Ärztinnen und Ärzte unterschiedlicher Altersstufen und medizinischen Fächer, auch Jüngere, aus der DDR. Die Tagung galt dem Thema: „Gemeinsame Verantwortung von Arzt und Patient“. Die Vorträge erörterten in großen Durchgängen die ethischen und rechtlichen Fragen der modernen Medizin.

Zuerst vermittelte der Chefarzt einer Leipziger Klinik mit seinem Manuskriptvortrag auf gewinnende Weise die medizinischen Perspektiven. Ich hielt meinen Vortrag frei und inhaltlich so, wie ich ihn in meiner Universität oder bei einer Fortbildung im Westen formuliert hätte. Es ging um die Würde des Patienten, seine Autonomie, den ärztlichen Heilauftrag, das Prinzip des primum non nocere, die Therapiefreiheit im Dienste des Kranken, den Schutz des Lebens, auch des ungeborenen, die der Selbstbestimmung des Patienten dienende und die therapeutische ärztliche Aufklärungspflicht, das Schweigegebot, die Dokumentationspflicht, die Haftung, auch um die eine oder andere Spezialfrage, das Ganze im Lichte modernen medizinisch-technischen Fortschritts. Zum Kern hatte der Vortrag das tradierte, vom Hippokratischen Eid geprägte Arztbild. Damit zeigten sich die Zuhörer vertraut und auch einverstanden. Gewiss folgte das Referat auch der objektiven Wertordnung, die das Bundesverfassungsgericht dem Grundgesetz zur Sicherung und Entfaltung der Menschenwürde und der Menschenrechte und also dem Katalog der Grundrechte entnommen hat.

Bedenkliche Hinweise auf die Verfassung, auf Recht und Unrecht der DDR unterließ ich ganz. Kritische politische Aussagen oder Bemerkungen zur ostdeutschen Ordnung aus dem Auditorium unterblieben gleichfalls in allen Debatten, auch im Gedankenaustausch außerhalb der fachlichen Verhandlungen. Allenfalls ließen sich einzelne zurückhaltende Vorbehalte gegen das Regime spüren. Ob die Angst vor den allgegenwärtigen Spitzeln der Stasi den Teilnehmern das Schweigen zu aktuellen oder grundsätzlichen politischen Fragen empfahl? Immerhin ließ die Diskussion die Bedeutung der Verfassungsordnung auch für das Arzt- oder Medizinrecht nicht im Dunkeln.

Die Zuhörer folgten dem Referenten, einem Westdeutschen und zudem Mitglied der anderen, nicht gerade geliebten juristischen Fakultät, mit hoher Aufmerksamkeit. Ein reger und offener Gedankenaustausch schloss sich den Referaten an. Es zeigte sich eine beeindruckende Bedachtsamkeit, Zugewandtheit und persönliche Bescheidenheit, wie sie mir auch später, nach der Wende, bei ärztlichen Fortbildungen in Jena und bei meinen Studenten in der neugegründeten Dresdener juristischen Fakultät begegneten. Verständigungsschwierigkeiten taten sich nicht auf. Die Probleme stellten sich in West und Ost auf ähnliche Weise, freilich in der DDR da und dort nicht mit der gleichen Schärfe. Ein Grund dafür lag wohl im Entwicklungsstand mancher technischen Einrichtungen, der materiellen Möglichkeiten und des Leistungsangebots. Die Teilnehmer verbanden spürbar christliche Grundüberzeugungen, sodass in den Disputationen auch kein tiefer Dissens aufbrach.

Nach dem gemeinsamen Abendessen setzte die große Runde um zusammengestellte Tische die Diskussion beim Wein fort, diesmal thematisch unbegrenzt. Den Abend füllten viele Fragen der Tagungsteilnehmer an den Gast aus der doch fernen Bundesrepublik – zum westdeutschen Ausbildungssystem, zur Zulassung der Medizinstudenten, zur Universitätsverfassung, zur Forschungsförderung und –finanzierung, auch zum Stande und zur Praxis internationaler akademischer Beziehungen. Die Neugierde an den Tischen war kaum zu stillen. Ihre Kenntnisse von und aus der Bundesrepublik bezogen die Ärzte erklärtermaßen fast ausschließlich über das Westfernsehen, das einen wesentlichen Bestandteil des Alltags in der DDR ausmachte. Mit Nachdruck wurde der Gast darauf hingewiesen. Welche Chancen lägen hier, fuhr es diesem durch den Kopf. Eindringlich auch die Klage darüber, dass man zu wenig voneinander wisse, vornehmlich die Bundesbürger über das Leben in der DDR.

Am nächsten Tag nahm die weiterhin sehr gut besetzte Konferenz ihren Fortgang: Nach gemeinsamer Frühmesse hatte der Heidelberger Referent die Aufgabe, in seinem weiteren Vortrag die Materie zusammenzufassen und zu vertiefen: Soll und darf der Arzt, was er kann? Wo liegen die Grenzen der Neuland-, der Fortpflanzungs-, der Transplantationsmedizin, der Sterbehilfe, auch in den herkömmlichen Fächern? Und wiederum folgte eine ebenso sachliche wie weiterführende und anregende Diskussion. Das Programm ließ Zeit auch für den Austausch in kleineren Gruppen und das Zwiegespräch. Wieder war Kritik am SED-Regime nicht zu hören, auch die Deutschlandfrage blieb unausgesprochen; manches ließ sich erahnen. Dafür ergab sich Interessantes aus dem Alltag der Gesundheitspflege in der DDR, auch über einzelne Mangelzustände bis hin zum Bettwäschediebstahl in der Klinik. Trotz der vertrauensvollen Atmosphäre kam es aber nicht zum Austausch von Korrespondenzadressen, wohlweislich. Denn meine Kontrolle bei der Ausreise verlief äußerst streng bis zur Durchsicht von Brieftasche, Geldbörse und Toilettenbeutel.

Ein Psychogramm der Kongressteilnehmer lässt sich auch nach zwei austauschintensiven Tagen nur mit aller Vorsicht und Zurückhaltung liefern. Immerhin: die Ärzte zeigten ein sympathisch bescheidenes Auftreten, gewissenhafte und kompetente Einlassungen, die vieles Wesentliche der fachlichen Überlieferung festhielten. Es machte sich geltend eine anhaltende Wissbegierde nach aktuellen Informationen und Erklärungen aus dem Westen. Bewegende Hoffnungen ließen sich nicht erkennen, schon gar nicht auf systemsprengende Veränderungen. Diese Reserve begründete wohl eine begrenzte Loyalität gegenüber dem eigenen Staat, dem die Ärzte, auch im Blick auf die Kranken, nicht den Rücken gekehrt hatten. „Kaum jemand war noch bereit, den Regierenden im Fall des Falles beizuspringen, aber nur wenige mochten es sich vor der Zeit mit ihnen verderben“ (Engler). Die Sterbeglocke mochte ja erst in fünfzig Jahren läuten.

Als ich am Abend im Flugzeug von Tegel nach Frankfurt saß, zuvor noch zur Tarnung zwei Straßenecken vom S-Bahnhof Friedrichstraße entfernt von den Veranstaltern im Auto freundlich abgesetzt, erschöpft und aufgewühlt, wusste ich, dass ich einen fast heilen, rechtschaffenden Ausschnitt der DDR-Wirklichkeit, eine Insel fachlicher geistiger Freiheit erlebt hatte. Sollten daraus 1983 und in den folgenden Jahren nicht Hoffnungen fließen?

Der Autor ist emeritierter ordentlicher Professor für Deutsche Rechtsgeschichte, Bürgerliches Recht und Medizinrecht an der Heidelberger Universität, deren Rektor er von 1979-1983 war.

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