Sieben Regeln für die Examensvorbereitung

 

 

Ein Beitrag von Björn Centner

 

Es ist immer die gleiche Leier: Nein, Jura ist nicht trocken! Die Fälle sind echt! Jura ist das Leben! Aber dann der Moment der Ernüchterung: Hallo, liebe Examensvorbereitung. Nun heißt es, zwölf bis achtzehn Monate lernen. Der neue Lieblingsaufenthaltsort: Bibliothek. Der neue Samstagvormittag: Examensklausuren. Die neuen Freunde: Bücher. Und das Beste: Man weiß überhaupt nicht, wie man diese spritzige Zeit überleben soll. Deshalb hier nun der Versuch, sieben Regeln für eine erfolgreiche und glückliche Examensvorbereitung zu formulieren:

 

1. Die Eigenständigkeitsregel

 

Eine, wenn nicht die Hauptaufgabe in der Examensvorbereitung ist es, etwas über sich selbst zu lernen. Eine pauschale Erfolgsstrategie für Glück oder Erfolg gibt es nicht. Jeder lernt und arbeitet unterschiedlich. Es kommt darauf an, eine eigene Vorgehensweise zu finden, die man auch nach dem Examen verwenden kann – und ja, es gibt eine Zeit danach! Für eine introvertierte Person ist die Lerngruppe ein Horror, für eine extrovertierte ist es ein Alptraum, jeden Tag acht Stunden in der Bibliothek über Büchern zu brüten. Befolgt man im Leben keine Pläne, dann kann man sich die Zeit für einen Lernplan sparen. Kann man sich nicht länger als eine Stunde am Stück konzentrieren, dann ist das Rep mit seinen fünf bis sechsstündigen Sitzungen als Entscheidung zu überdenken.

 

2. Die Effizienzregel

 

Zwölf bis achtzehn Monate. Das klingt nach einer verdammt langen Zeit. Sobald man aber anfängt, den Stoff zu unterteilen, wird es plötzlich kurz. „Wie, Du hast nur acht Wochen Zeit für Schuldrecht? Das umfasst doch das ganze Leistungsstörungsrecht, Kaufrecht, Werkvertragsrecht, Mietrecht, Auftragsrecht, usw. usf.!“ Ernüchternd. Aber: Das ist kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Alle haben das gleiche Problem. Und viele gehen falsch damit um. Der schlimmste Fehler ist es, gegen Regel 1 zu verstoßen. Was für Anna effizient ist, kann für Peter Zeitverschwendung sein. Und umgekehrt. Deshalb ist es das Gebot der Stunde, sich bei jeder Tätigkeit zu fragen, ob sie „einem etwas bringt“. In der Examensvorbereitung hat man keine Zeit zu verlieren. Ist das Niveau eines Lehrbuchs zu hoch, dann muss man ein einfacheres Lehrbuch zur Hand nehmen. Hat man das Gefühl, in einem Kurs nicht genug zu lernen, dann sollte man die Zeit lieber anderweitig investieren. Kann man eine zwangsvollstreckungsrechtliche Examensklausur partout nicht lösen, darf man nicht drei Stunden verzweifelt in das Gesetz starren.

 

3. Die Bescheidenheitsregel

 

Endlich Examensvorbereitung. Jetzt werden dicke Bretter gebohrt! Kollision von Globalzession und verlängertem Eigentumsvorbehalt, forderungsentkleidete Hypothek, doppelter Geheißerwerb und gestörte Gesamtschuld stehen auf der Tagesordnung. Arbeitsplan: Im Sachenrecht sollte es schon der Baur/Stürner sein, im Strafrecht erscheint Kühl gerade ausführlich genug und für Grundrechte freut man sich schon auf das Handbuch des Staatsrechts. Aber Achtung: Das ist nicht zwingend eine gute Idee. Zuerst sollte man die Grundlagen wiederholen und wirklich können, bevor man sich an die schwierigen Fragen heranwagt. Man muss lernen, ehrlich zu sich selbst zu sein. Kenne ich die Voraussetzungen einer Willenserklärung? Habe ich verstanden, wie man die einzelnen Schadensersatzansprüche der §§ 280 ff BGB voneinander abgrenzt? Weiß ich, welchen Prüfungsmaßstab das Bundesverfassungsgericht in der Urteilsverfassungsbeschwerde anwendet? Ist für mich nachvollziehbar, wie der Begriff der baulichen Anlage sich in Bauplanungs- und Bauordnungsrecht unterscheidet? Niemandem ist damit geholfen, die bereicherungsrechtlichen Implikationen des Verbraucherregresses zu lernen, wenn zuvor der Begriff der Leistung im Bereicherungsrecht unbekannt ist. Die Regel lautet deshalb: Die Kästen mit dem (E) für Examenskandidaten kann man noch dann lesen, wenn man den Rest wirklich verstanden hat. Bis dahin reicht es, wenn man den Studienkommentar von Kropholler durcharbeitet. Da steht schon mehr als genug drin.

 

4. Die Vollständigkeitsregel

 

Kann man Vollständigkeit erreichen? Nein. Niemand kennt alle Entscheidungen der Obergerichte, hat alle wichtigen Kommentare studiert und alle großen Lehrbücher durchgearbeitet. Aber: Manche Sachen muss man können. Es ist eine der Hauptaufgaben, herauszufinden, was diese Sachen sind. Startpunkt ist die JAPrO. Die dort aufgeführten Rechtsgebiete darf man nicht auf Lücke setzen. Bei Standardproblemen führt kein Weg daran vorbei, sie zu lernen. Im Examen weiß jeder, dass § 254 Abs. 2 Satz 2 BGB in Wirklichkeit ein „eigenständiger dritter Absatz ist“. Diese sog. Standardprobleme findet man in jedem Lehrbuch oder Kommentar. Im BGB bieten der Studienkommentar von Kropholler oder Medicus/Petersen einen guten Überblick über den Stoff, im Strafrecht kann man sich an den Büchern von Rengier und dem Klausurenkurs III vonBeulke orientieren, im Verwaltungsrecht gibt Seilereine Zusammenfassung und im Staatsrecht kann man die Bücher aus den ersten beiden Semestern wiederverwenden. Das bedeutet aber nicht, dass man jedes Detail lernen muss. Man muss in einer Klausur besser damit umgehen können als die anderen Kandidaten. Darauf kommt es an. Es zählt, den Überblick über den gesamten Examensstoff zu bewahren. Und nicht vergessen: Die Nebengebiete kommen dran. Wenn am Ende der Examensvorbereitung kaum noch Zeit bleibt, sollte man lieber zwei Tage für Arbeitsrecht verwenden als sich erneut mit den Feinheiten des Immobiliarsachenrechts zu beschäftigen.

 

5. Die Wiederholungsregel

 

Repetitio est mater studiorum. Vier Wörter, die man schon nicht mehr hören kann. Aber sie sind in der Examensvorbereitung entscheidend. Es führt kein Weg daran vorbei, die Grundlagen immer und immer wieder zu wiederholen. Und der Begriff der „Grundlage“ ist leider weiter als man zunächst hofft. Dazu gehört auch der Aufbau des mittäterschaftlichen versuchten Unterlassungsdelikts, die Prüfung der Fortsetzungsfeststellungsklage oder die unberechtigte GoA. Jeder muss am Ende seine eigene Wiederholungsstrategie finden. In jedem Fall aber erscheint es hilfreich, das Gelernte in irgendeiner Form – sei es als Karteikarte, sei es elektronisch in einem Lernprogramm, sei es in einem Skript – in eigenen Worten, mit eigenen Graphiken oder eigenen Beispielen festzuhalten. Diese Unterlagen sollte man dann regelmäßig anschauen und sich dabei fragen, ob man den Inhalt wirklich kennt und verstanden hat. Wirklich verstanden hat man es erst, wenn man es selber erklären kann. Und zwar auch noch drei Monate, nachdem man es zum ersten Mal aufgeschrieben hat.

 

6. Die Technikregel

 

Rechtssicherheit spielt im deutschen Rechtssystem eine große Rolle. Sehr lange wurde davon ausgegangen, dass es für jeden Fall eine objektiv richtige Lösung gibt. Der Weg zu dieser Lösung ist zu einem nicht zu unterschätzenden Teil mit dem Wort „Handwerk“ beschreibbar. Disziplin spielt eine große Rolle. Die Arbeit mit dem Gesetz muss sauber und fachgerecht sein. Ein „beliebter“ Weg dafür ist die Lösung von zahlreichen Klausuren. Das ist – unter Beachtung von Regel 1 und 2 – keine schlechte Idee, weil die Anzahl geeigneter Examensfälle kleiner ist, als man zunächst denken könnte. Wenn man unbegrenzt Zeit zur Verfügung hätte und 300 Examensklausuren schreiben würde, hätte man mit Gewissheit eine sehr große Zahl der denkbaren Konstellationen durchgespielt. Aber: 300 Klausuren will und kann man sich nicht antun. Die optimale Klausurzahl ist für jeden unterschiedlich und hängt von den Zielen ab. Aber irgendwo zwischen 30 und 100 Klausuren sollte man schon landen, wenn man im Examen keine großen Überraschungen erleben will. Jedenfalls aber muss man die juristische Technik üben. Das kann über das Gliedern und Lösen von Fällen, die Lektüre von Gerichtsentscheidungen (wichtig!) oder die Arbeit in einer Lerngruppe gelingen. Die meisten, wenn nicht alle schlechten Ergebnisse in Klausuren sind darauf zurückzuführen, dass nicht ordentlich gearbeitet wurde. Das bedeutet, dass die falsche Vorschrift gefunden, die Tatbestandsmerkmale gar nicht, falsch oder unsauber definiert oder der Sachverhalt unsorgfältig unter die einzelnen Tatbestandsmerkmale subsumiert wurde. In der Theorie klingt es so einfach, aber in der Praxis ist es immer wieder schwer. Auf eine ordentliche juristische Arbeitstechnik kann man nicht genug Zeit verwenden. Und hier hilft Abschauen bei Gerichtsentscheidungen viel. Sehr viel.

 

7. Die Danachregel

 

Das Examen ist wichtig. Aber es ist nicht das Wichtigste im Leben. Man darf sich in der Zeit nicht kaputt machen. Beachtet man die Regeln 1-6, wird man das Examen bestehen. Darauf kommt es an. Ob man es mit einem Prädikat besteht, hängt hingegen von zahllosen Faktoren ab, von denen man viele nicht selbst beeinflussen kann. Es hilft deshalb bereits, wenn man sich nicht andauernd mit anderen vergleicht, sondern auf sich selbst, seinen Partner, seine Familie und seine Freunde hört. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen und jeder hat sein eigenes Ziel. Nicht für jeden sind die sog. „juristischen Topberufe“ erstrebenswert. Auch dort ist nicht alles Gold, was zunächst golden schimmert. Vor diesem Hintergrund kann nicht häufig genug betont werden, dass es auch noch ein Leben nach dem Examen gibt. Niemand dankt es einem, wenn man aus dem Examen mit einem „gut“ herausgeht, dafür aber psychische Probleme oder den ersten Bandscheibenvorfall mit 26 hat. Von daher gilt auch heute noch, was Johann Wolfgang von Goethe bereits 1774 in seinem Werther geschrieben hat: „Ein Mensch, der um anderer willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnis ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst etwas abarbeitet, ist immer ein Tor.“

 

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Björn Centner ist Chefredakteur der Studentischen Zeitschrift für Rechtswissenschaft sowie Doktorand bei Prof. Dr. Dres. h.c. Herbert Kronke.

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